Es herrscht in der breiten Öffentlichkeit oftmals die Auffassung, daß die Umsetzung hypnotischer Suggestionen keinerlei Motivation, Willen oder Engagement von Seiten des Hypnotisanden voraussetzt.
So wird auch heute oft noch angenommen, daß bei der Hypnose irgendwie das Unterbewußtsein des Hypnotisanden “umprogrammiert” werde, wobei dieser Prozeß passiv, automatisch und unabhängig von Motivation und Denken des “Subjekts” ablaufen soll. Zumindest unter Laien stellt man sich den ”(tief) Hypnotisierten” oft noch so vor, als besitze er so etwas wie einen eigenen Willen ohnehin nicht mehr, da er sich in so etwas wie eine geistlose Maschine verwandelt habe.
Solche Vorstellungen sind jedoch falsch. In diesem Artikel nun soll es vor allem um die motivationalen Aspekte der Hypnose gehen, deren Bedeutung herauszustellen ist. Dabei möchte ich folgende ganz grobe Unterscheidung von Gesichtspunkten, die natürlich eng mit einander zusammenhängen, treffen:
a) Hypnose setzt unabhängig von der Stärke und Ausprägung der Motivation so etwas wie eine grundlegende, elementare Bereitschaft zur Kooperation voraus. Ohne ein Minimum an Akzeptanz und einer bewußten oder unbewußten Bereitschaft, sich auf die Hypnose einzulassen, ”funktioniert” Hypnose nicht. b) Der Grad der Motivation hat Einfluß auf das Ausmaß, in dem das “Subjekt” auf Hypnose reagiert, c) ebenso der Rapport und die damit zusammenhängende Fähigkeit, in der entsprechenden Situation ”loszulassen” und sich vertrauensvoll auf die Situation einzulassen. d) Grundlegender Bereitschaft und Motivation allein reichen jedoch nicht aus, damit eine hypnotische Suggestion realisiert werden kann; vielmehr ist bei der jeweiligen Umsetzung offenbar ein konkretes aktives “Streben”, eine konkrete “Absicht” (die unterbewußt sein kann) für die hypnotische Reaktion von Nöten.
Grundlegende Bereitschaft und Motivation
Notwendig für die Hypnose ist die grundsätzliche Bereitschaft, sich auf die Hypnose einzulassen. Wenn diese überhaupt nicht vorhanden ist, können Hypnose und hypnotische Reaktionen nicht stattfinden. (Siehe auch Artikel “Hypnose ohne und gegen den Willen”.)
Bereits die Tatsache, daß generell der Gehorsam “tief Hypnotisierter” nicht höher, sondern tendenziell sogar geringer ist als der von “Wachen” (siehe Artikel zu “Hypnose-Verbrechen“), spricht deutlich dagegen, daß hypnotisches Reagieren unabhängig vom Willen des Hypnotisanden stattfindet und seiner Kontrolle entzogen wäre.
Dies wird auch durch ein vom amerikanischen Hypnoseforscher T.X. Barber durchgeführtes Experiment bestätigt:
In einem Versuch sollten Schwesternschülerinnen in einem Experiment hypnosetypischen Suggestionen (ohne formelle hypnotische Induktion) unterzogen werden. Im Vorfeld wurde jedoch von Personen, die scheinbar nichts mit dem Experiment zu hatten, massiv Stimmung gegen das Experiment gemacht: Unter anderem wurde gesagt, daß Schwesternschülerinnen ohnehin für leichtgläubig gehalten würden, und es wurde ihnen nachdrücklich nahegelegt, den Versuch zu unterlaufen. Der Effekt war in der Tat, daß die dann gemessene durchschnittliche hypnotische Suggestibilität der Probandinnen praktisch bei Null lag.
Daß Entsprechendes auch für formelle Hypnose gilt, zeigt folgender Versuch:
In einem (ebenfalls von Barber durchgeführten) Experiment wurden Probanden über einige Tage lang mit genau derselben Induktion hypnotisiert und stets denselben Suggestibilitätstests in derselben Reihenfolge unterzogen.
Das Ergebnis war, daß die hypnotische Suggestibilität stetig von Tag zu Tag absank. Bei diesem Experiment, das in ähnlicher Form von anderen Forschern repliziert wurde, korrelierte der Rückgang der Suggestibilität mit einer stetigen Verminderung der Motivation für die Hypnose und der Erwartung, gut bei den Testsuggestionen abzuschneiden.
Der entscheidende Faktor, der den bedeutenden Rückgang der Suggestibilität bewirkt hat, ist hier offensichtlich das Nachlassen der Motivation aufgrund zunehmender Langeweile. Die Abnahme der Motivation bewirkte einen starken Rückgang der Erfolgserwartung wie auch des “Erfolges” bei den Hypnose-Tests.
Während bei einem flexiblen und individuell angepaßten Training oft eine Steigerung der hypnotischen Suggestibilität möglich ist, läßt sich solches offenbar nicht sagen, wenn stets nur dieselben Prozeduren wiederholt werden. (Wenn der Proband jedoch ein besonderes Interesse hat, durch stets gleiche Wiederholungen seine Suggestibilität zu trainieren mag das anders sein.)
Diese und vergleichbare Experimente unterstreichen, daß ohne eine gewisse Bereitschaft Hypnose nicht funktioniert. Selbst wenn vielleicht keine besonderen positiven Einstellungen vorhanden sein müssen, so sollten zumindest auch keine allzu negativen im Raum stehen. Eine gewisse elementare Offenheit oder Minimal-Motivation ist von Nöten.
Viel spricht generell dafür, daß zudem das Ausmaß, in dem jemand auf Hypnose reagiert – gewöhnlich gemessen an der hypnotischen Suggestibilität – wesentlich von der Motivation der Hypnotisanden abhängt.
Der späte T.X. Barber, ein wichtiger Hypnoseforscher, ging aufgrund langjähriger eigener und fremder Forschungen davon aus, daß jene Personen, die positive Einstellungen und Erwartungen gegenüber der Hypnose haben, die größte und wichtigste Untergruppe unter den “Hochsuggestiblen” ausmachen.
Doch schon früh wurde die Bedeutung der Motivation für die Hypnose erkannt. So äußerte bereits August Forel, daß das beste hypnotische “Subjekt” jemand sei, der von der Hypnose und der Vorstellung, selbst hypnotisiert zu werden, “begeistert” sei. Dies ist auch die Erfahrung vieler anderer Hypnotiseure (und auch die meine).
Zwar sprechen die Erhebungen im Labor dafür, daß das Ausmaß der Motivation nur von begrenztem Einfluß auf die Variation der hypnotische Suggestibilität ist. Doch scheint die Aussagekraft und Relevanz solcher Ergebnisse begrenzt zu sein:
Es wurde bemerkt, daß hypnotische Analgesie und Anästhesie in der klinischen Praxis allgemein weit besser zu funktionieren zu scheinen als in Forschungslabors. Dieser Effekt mag partiell auch daher rühren, daß im klinischen Setting mehr Angst und Stress vorliegen, und die Hypnose auf diese Faktoren besonders effektiv wirkt. Doch dürfte dies als Erklärung nicht ausreichen. Ein anderer Grund scheint zu sein, daß dort, wo eine echte Notwendigkeit und ein wirklicher bedeutender Vorteil durch die hypnotische Analgesie gegeben sind, die Motivation bedeutend ”tiefer” und ernster ist als bei irgendwelchen rein “wissenschaftlichen Tests”.
Im Artikel zur Showhypnose hatten wir bereits darauf hingewiesen, daß nach einer Untersuchung durch Helen Crawford und ihre Mitarbeiter die hypnotische Suggestibilität bei den Teilnehmern einer Showhypnose überdurchschnittlich hoch ist. Man wird vermuten dürfen, daß dies auch mit gruppendynamischen Effekten aufgrund der Gegenwart weiterer Hypnotisanden zu tun haben, und ebenfalls mit der Situation, vor einem Publikum zu stehen. Hier entsteht offenbar ein erhöhter sozialer Druck, der zu einer starken Motivation und letztlich auch erhöhten Suggestibilität führt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Versuch von Barnier und McConkey zur posthypnotischen Suggestion, bei dem hochsuggestiblen Probanden die Suggestion gegeben wurde, jeden Tag eine Postkarte an den Hypnotiseur abzusenden. Wie Amanda Barnier berichtet, hing der Erfolg dieser Suggestion entscheidend mit davon ab, ob der Proband durch sein soziales Umfeld er- oder entmutigt wurde, bei dem Experiment mitzumachen. (Siehe “Die posthypnotische Suggestion“.)
Sorgfältige Versuche zur posthypnotischen Suggestion zeigen außerdem auch, daß Probanden nur dann auf “Trigger” reagieren, wenn sie sich zu einer entsprechende Antwort ”verpflichtet” fühlen, wenn sie eine entsprechende Bereitschaft besitzen und wenn sie erkennen, daß der posthypnotische Auslöser (womöglich) zu einer hypnotischen Reaktion führen “soll”. Andernfalls erfolgt keine Reaktion, auch dann nicht, wenn der auslösende Stimulus eindeutig wahrgenommen und registriert wurde. (Siehe wieder Artikel ”Die posthypnotische Reaktion”.)
All dies unterstreicht und bezeugt die Notwendigkeit und Bedeutung motivationaler Aspekte für das hypnotische und posthypnotische Reagieren.
Wie im Artikel über hypnotische und Wachsuggestionen berichtet, liegt die hypnotische Suggestibilität zwar über der Wachsuggestibilität, aber es ist möglich, allein durch “motivierende Instruktionen” (“task motivational instructions”) die Wachsuggestibilität so anzuheben, daß sie das Niveau der formellen hypnotischen Suggestibilität erreicht. bei diesen “motivierenden Instruktionen” wird versucht, die Erwartung hinsichtlich des Erfolgs bei den Suggestibilitätstests zu erhöhen, aber eben auch, wie der Name bereits sagt, eine positive Motivation und positive Einstellungen zu erzeugen.
Dafür, daß das ”Subjekt”, motiviert sein muß und sich entscheiden muß, zu reagieren, spricht übrigens auch ein Experiment, bei dem hypnosetypische Wachsuggestionen einmal mit sicherer und engagierter Stimme, das andere mal in desinteressiertem Ton gegeben wurden: Im ersten Fall war die gemessene Suggestibilität deutlich höher als im zweiten.
Die Bedeutung der Motivation wird jedoch auch besonders im Zusammenhang mit den sog. “situativen Anforderungen” (“Demand Characteristics”) bzw. mit der “hypnotische Rolle” sichtbar. (Siehe Artikel “Hypnotische Rolle [...]“ )
Der Hypnotisierte versucht in hohem Grade dem Experimentator zu helfen und seine Auffassungen über den Ausgang der Versuche zu bestätigen, wobei das Erkennen der und das Reagieren auf die “Demand Characteristics” mitunter durchaus theoretische Reflexionen voraussetzten. Dies bedeutet natürlich nicht, daß die Versuchsperson versucht, das Experiment zu “verfälschen”. Sie sind sich vielmehr gewöhnlich nicht bewußt, daß die “Demand Characteristics” ihr Verhalten entscheidend beeinflussen. Was jedoch offenbar geschieht, ist dies: Der motivierte Proband erwartet, daß er tatsächlich das erlebt, wovon er glaubt, daß er es erleben “soll”, und er hat den Wunsch, es auch zu erleben. Hierzu gehört insbesondere, daß der Hypnotisierte versucht, ein “gutes hypnotisches Subjekt” zu sein und sich so zu verhalten, wie er glaubt, daß man sich als guter Hypnotisand eben verhält.
“Offenheit”, Vertrauen, Rapport
“Motivation” auf Seiten des Hypnotisanden allein reicht allerdings nicht unbedingt aus, damit er intensiv auf Hypnose reagiert. Es ist die Erfahrung, daß manche Menschen, die unbedingt Hypnose erleben wollen und sich dabei “verkrampfen”, eher schlecht auf Hypnose reagieren. Wesentlich scheint nämlich auch eine gewisse “Offenheit” zu sein, die damit einhergeht, daß das Subjekt “loslassen” und sich ”fallen lassen” kann. Damit meine ich mehr als die absolut grundlegende Bereitschaft, sich “überhaupt” auf die Hypnose einzulassen. In welchem Grade es möglich ist, daß ein “Subjekt” sich für die Hypnose wirklich innerlich “öffnen” kann, scheint wiederum damit zu tun zu haben, wie sehr sich der Proband in der Situation wohlfühlt, wie sehr er der Hypnose und auch dem Hypnotiseur “vertraut”. Damit hängt natürlich auch nicht zuletzt die Qualität der “Beziehung” zwischen Hypnotiseur und Hypnotisand zusammen, der sog. ”Rapport”.
Es existiert ein recht erfolgreiches (wenn auch nicht unumstrittenenes) Programm, das sog. “Carleton Skills Training Package” (CSTP), das die hypnotische Suggestibilität bei vielen Probanden in kurzer Zeit erheblich steigern kann. (1*) Zu den Komponenten des CSTP gehören insbesondere auch der Aufbau positiver Einstellungen zur Hypnose und das Herstellen eines positiven Rapports zum Hypnotiseur. Beide Maßnahmen sind wesentliche Komponenten des Erfolgs und zielen darauf ab, daß die Hypnotisanden eine bessere Motivation und Bereitschaft entwickeln, sich auf die Hypnose und den Hypnotiseur einzulassen.
Die Effektstärke des CSTP hat sich in verschiedenen Untersuchungen relativ verschieden dargestellt, und es scheint, daß die Frage, ob ein guter Rapport aufgebaut wurde oder nicht, wesentlich für die divergierenden Resultate verantwortlich ist. Zwar scheint die Wirksamkeit dieses Verfahrens nicht allein und primär aus einer Verbesserung des Rapports zu resultieren, eine solche scheint aber eine notwendige Bedingung zu sein, damit das CSTP seine Effektivität unter Beweis stellen kann.
Auch andere Verfahren zur Steigerung der Suggestibilität zeichnen sich durch erhebliche Variationen der Effektivität aus, und meine Vermutung ist, daß womöglich auch für diese Schwankungen der jeweils etablierte Rapport die maßgebliche Ursache sein könnte.
Die Bedeutung von “Offenheit” und “Vertrauen” für die Hypnose wird auch durch die Berichte von Klinikern unterstrichen. So berichtet Bramwell, daß seine Patienten in der Stadt Goole, zu denen bereits vor der Anwendung der Hypnose ein stabiles und länger währendes Vertrauensverhältnis bestand, in großer Anzahl sehr “tiefe Hypnose” erreichten. Später, in einer anderen Stadt mit neuen Patienten, entsprach die Verteilung der ”Hypnosetiefe” den üblichen Verhältnissen, wie Bramwell sie etwa in Nancy bei Bernheim erlebt hatte (wo die Patienten für den Behandler ebenfalls “neu” waren). Ein gutes Vertrauensverhältnis ermöglicht offenbar auch vielen, die im Psychologie-Labor der Hypnosewissenschaftler vielleicht nur mittlere oder geringe Scores auf Hypnose-Saklen ereichen würde, sich für die hypnotische Erfahrung intensiv zu öffnen.
Interessant in diesem Zusammenhang ist übrigens auch die Reaktion von Schizophrenie-Patienten auf Hypnose. Viele Menschen mit solch einer psychotischen Störung (die nichts mit der “multiplen Persönlichkeit” zu tun hat) leiden unter Verfolgungs- und oft auch unter Beziehungsideen - letzteres bedeutet, daß sie Ereignisse auf sich beziehen, die objektiv nichts mit ihnen zu tun haben. Auch gehören oftmals sog. “Ich-Störungen” zum klinischen Bild, wozu beispielsweise die Vorstellung zählt, daß andere das eigene Denken kontrollieren und steuern oder zumindest beeinflussen (“Gedankeneingebung”). Das Fremdbeeinflussungserleben kann bis hin zum Kontrollwahn reichen, der wahnhaften Überzeugung, von außen fremdgesteuert zu werden. Solche Erfahrungen werden dann nicht selten dadurch erklärt, daß man sich durch Hypnose oder Telehypnose beeinträchtigt wähnt. Daher ist die Tendenz Schizophrener verständlich, gegenüber scheinbar übermächtig kontrollierenden äußeren Einflüssen mißtrauisch zu sein, insbesondere auch gegenüber der Hypnose.
In einigen Untersuchungen nun fallen die hypnotischen Suggestibilitäts-Scores Schizophrener gering aus. In anderen reagieren die Patienten jedoch genau so gut auf Hypnose wie der Rest der Bevölkerung. Der Grund, der sich bei einer genaueren Analyse ergibt, scheint dieser zu sein: Wird einfach ohne weitere Vorbereitung die Suggestibilität getestet, dann wirken paranoide Ängste und Befürchtungen blockierend. Wenn hingegen eine vertrauensvolle Beziehung zum Hypnotiseur besteht und die Hypnose angstfrei erlebt wird, dann wird die hypnotische Suggestibilität nicht beeinträchtigt, sondern ist so hoch wie die der normalen Population.
Diese Resultate unterstreichen wieder die Bedeutung von “Offenheit” Vertrauen und Rapport für die Reaktion auf Hypnose und hypnotische Suggestionen.
Bemerkenswert ist übrigens auch die Schilderung einer Probandin der australischen Hypnoseforscher Sheehan und McConkey, die zu einer visuellen Halluzination befragt wurde, die sie erlebt hatte. Die Probandin erklärte, daß sie “zu dem Zeitpunkt die geistige Macht hatte, alles zu sehen, weil ich mich in der Sitzung wirklich wohlfühlte und eine Art des Gefühls von großem Vertrauen zum Hypnotiseur hatte“.
Es ist immer wieder die Erfahrung, daß dort, wo Vertrauen und Offenheit bestehen (und genuines Interesse an Hypnose), die Hypnose besonders gut “funktioniert”. Dementsprechend besteht auch eine zentrale Funktion des sog. “Vorgesprächs” -dessen Bedeutung hoch einzuschätzen ist - darin, Vertrauen, Bereitschaft und einen guter Rapport herzustellen.
Absicht und “aktives Streben”
Wie haben gesehen, daß der Hypnotisand mit einer Suggestion auf irgendeiner entscheidenden Ebene einverstanden sein muß, und daß Motivation und “Offenheit” zwar günstig für die Realisierung sind. Doch scheint das Vorliegen dieser Voraussetzungen für die Umsetzung einer hypnotischen Suggestion allein noch nicht auszureichen. Es scheint im Regelfall auch eine konkrete Absicht und Entscheidung notwendig zu sein.
Wie im Artikel Absicht, Imagination, Erwartung ausgeführt, gilt etwa, daß Imagination und Erwartung für die Realisierung einer Suggestion nicht ausreichen und umgekehrt auch nicht notwendig sind.
So reagieren Hochsuggestible etwa wesentlich besser auf hypnotische Suggestionen zur Analgesie reagieren als auf Placebos (Erwartung), und es besteht keine besondere Korrelation zwischen hypnotischer und Placebo-Analgesie. Entsprechende Versuche mit anderen Phänomenen deuten ebenfalls darauf hin, daß hypnotische Suggestibilität und die Reaktion auf Erwartungen zwei Paar Stiefel sind.
In einem weiteren Experiment wurde hochsuggestiblen Probanden während der Hypnose ein Stapel mit Papier gegeben und sie wurden “informiert”, daß alle Blätter leer seien. In Wahrheit befand sich auf dem letzten Blatt jedoch die Ziffer 8. Interessanterweise erlebte keiner der Probanden eine negative Halluzination, und dies, obwohl durchaus die Überzeugung und Erwartung bestand, das letzte Blatt ebenfalls leer sein würde. Nur rudimentäre “Ansätze” zu einer negativen Halluzination waren zu konstatieren, etwa indem die Ziffer in einem Fall nur irgendwie “verschwommen” wahrgenommen wurde.
Es scheint so, daß der Proband auf irgendeiner Ebene den Inhalt der Suggestion “anstreben” oder “beabsichtigen” muß. Offenbar ist es dazu nötig, daß er realisiert, daß die Aussage des Hypnotiseurs keine reine “Information” darstellt, sondern eine Suggestion, die ihn auffordert, etwas ”unterbewußt” zu tun.
Erkennt der Proband das nicht und wartet einfach nur ab, so geschieht nichts oder jedenfalls nicht viel. Es scheint also keineswegs zu gelten, daß Suggestionen völlig automatisch umgesetzt werden, einfach nur deswegen, weil der Proband eine Suggestion “hört” und kognitiv verarbeitet. Selbst wenn also Motivation vorliegt, eine erhebliche Erwartung besteht und auch formell Hypnose induziert wurde, so kommt es doch nur zu einer relativ schwachen Manifestation eines hypnotischen Phänomens, die meist deutlich unterhalb dessen liegt, was bei einer “guten” hypnotischen Reaktion erreicht wird.
Zwar kann insbesondere die Erwartung sicherlich bis zu einem gewissen Grade zur automatischen Realisierung von Überzeugungen führen, nicht zuletzt während der Hypnose; doch scheint dieser Effekt meist von begrenztem Ausmaß zu sein und nicht das eigentliche Wesen der hypnotischen Reaktion auszumachen. (2*)
Davon, daß die hypnotische Reaktion auf irgendeiner Ebene eine “Absicht” oder ein “Anstreben eines Zieles” darstellt, bleibt unbenommen, daß die hypnotische Reaktion subjektiv oft als mühelos oder sogar völlig von alleine ablaufend erlebt wird, oder daß der Hypnotisierte kein Bewußtsein von ihr hat.
Das Gesagte bedeutet außerdem nicht, daß es für eine hypnotische Reaktion bereits ausreichend wäre, daß der Hypnotisand sich für ihre Umsetzung irgendwie “entscheidet”, sondern nur, daß es ohne diese “Entscheidung” im “Normalfall” offenbar jedenfalls nicht geht. Tatsächlich zeichnen sich hypnotische Phänomene ja wesentlich dadurch aus, daß sie nicht einfach und vollständig der willentlichen Kontrolle unterliegen. Eine (bewußte oder unbewußte) Absicht ist demnach für das hypnotische Reagieren zwar also keine hinreichende, wohl aber notwendige (eine “erforderliche”) Bedingung. Auf einer späten Stufe ihrer Exekution findet sicherlich eine in gewissem Sinne “automatische” Umsetzung der hypnotischen Suggestion statt.
Die hier genannten Experimente sind also insoweit interessant, als sie nahelegen, daß für die der Umsetzung jeder einzelnen Suggestion nicht nur Akzeptanz und Motivation vorliegen müssen, sondern auch eine besondere “Absicht” und ein “Entscheidung”.
Klinische Situation
Auch für die Anwendung der Hypnose in Therapie und Coaching gilt, daß die Motivation des Patienten/Klienten essentiell ist – was übrigens auch generell für Therapien gilt. Es ist zudem klar, daß auch klinische Hypnose wirkliche Kooperationsbereitschaft und die Offenheit für Veränderung voraussetzt. Auch gilt, daß die (hypno)therapeutische Beziehung für den Therapieerfolg von erheblicher Bedeutung ist.
Exekutive Kontrolle
Zu all dem Gesagten paßt gut, daß der Proband während der Hypnose die Fähigkeit Ausübung der sog. “exekutiven Kontrolle” behalten und offenbar für die Realisierung vieler Suggestionen auch exekutive Kontrolle einsetzen müssen. Das “exekutive Kontrollsystem” gilt als das höchste und steht im Zusammenhang nicht nur mit abstraktem Denken, sondern auch mit Verhaltenskontrolle und der Orientierung an ethischen Werten. (Siehe Artikel zur “exekutiven Kontrolle“.)
Neurophysiologische Evidenz
All das deckt sich auch gut mit der neurophysiologischen Evidenz. So schreibt Helen Crawford im Anschluß an eine ausführliche Diskussion nueriophysiologischer Forschungen zur Hypnose (3*):
“In diesem physisch entspannten Zustand berichten sie [die Hypnotisierten], daß ihr Erleben mehr unwillkürlich und mühelos ist [....], und doch, was etwas paradox ist, zur selben Zeit auch intensiver und involvierter als in einem nicht-hypnotischen Zustand. [...] Wenn wir Hypnotisierte als aktive und ‘kreative problemlösende Agenten’ [...] ansehen, die sich während der Hypnose auf ihre Fähigkeiten stützen können, dann verschwindet das Paradoxon. [....] Dissoziierte Kontrolle während der Hypnose, wie sie beispielsweise bei der hypnotischen Analgesie für Schmerzen beobachtet wird, setzt kognitive und aufmerksamkeitsbezogene Leistungen höherer Ordnung voraus, wovon Veränderungen der EEG-Theta-Wellen [...] und erhöhter Gehirnstoffwechsel in bildgebenden Verfahren [....] zeugen. Das Fehlen wahrgenommener Kontrolle und die verminderte Selbstwahrnehmung [....] ändern nichts daran, daß dennoch Prozesse ablaufen, die höhere kognitiver Verarbeitung und das exekutive Kontrollsystem involvieren.”
Vorläufige Zusammenfassung
Auf jeden Fall “realisieren” sich hypnotische Suggestionen nicht “automatisch”, wenn nicht Motivation oder mindestens Erwartung für eine konkrete Suggestion vorliegen. Das bedeutet insbesondere auch dies: Wenn jemand beispielsweise meditiert oder in Selbsthypnose geht und zufällig hört, wie jemand anderer etwas sagt, so werden diese Äußerungen nicht als Suggestionen wirken – es sei denn der Betreffende hätte irgendeinen Grund, die Suggestionen umzusetzen. Der Hypnotisierte ist niemals ein “hypersuggestibler Automat”.
Gründe der Motivation für die Hypnose
Das Bestehen von Motivation ist für die Hypnose also von grundlegender Bedeutung. Daß sie verschiedene Gründe haben kann, je auch nach Setting, liegt auf der Hand. So besteht die Hauptmotivation für die klinische Hypnose natürlich im Wunsch nach Hilfe; die im experimentellen Kontext und auch bei privaten Versuchen resultiert sie wahrscheinlich primär im Wunsch, ein interessantes Phänomen zu erfahren (und im Fall der Hypnoseforschung eventuell auch im Wunsch, zum Fortschritt der Wissenschaft beizutragen); im Fall der Showhypnose dürften neben einem Interesse an der hypnotischen Erfahrung an sich auch Komponenten wie der ”Spieltrieb” und eventuell der Wunsch danach, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, relevant werden. Hypnose findet oftmals innerhalb von Kontexten statt, in denen primär bereits eine erhebliche Motivation zum “Mitmachen” besteht, wie eben etwa in einer Therapie, einer experimentellen Situation, usw.
Hypnose als Verstärker von Motivation
Des Weiteren gilt auch, daß Hypnose gewöhnlich zu einer gesteigerten Motivation, mit dem Hypnotiseur zu kooperieren, führt.
Als Quelle der gesteigerten Motivation kommen verschiedene Komponenten der Hypnose infrage: a) Der Zustand der Hypnose, die “hypnotische Trance” selbst, b) die situativen Anforderungen der Hypnose, c) der besondere Rapport zwischen Hypnotiseur und “Subjekt”, oft verbunden mit regressive Tendenzen, die durch die hypnotische Rolle aktiviert werden, d) besondere psychologische Aspekte wie eine erhöhte Motivation aufgrund einer Sequenz befolgter Instruktionen und aufgrund des bereits investierten Vertrauens. Diese Gesichtspunkte seien hier nur kurz angerissen:
Zu a): Betrachtet man den hypnotischen Zustand als prinzipiell “normale” Verfassung, wie man sie auch beim Absorbiertsein oder gegebenenfalls in der tieferen Meditation findet (“Non-State-Theorien”), dann macht es a priori wenig Sinn, anzunehmen, daß der hypnotische Zustand die Motivation “per se” steigern würde. Faßt man den hypnotischen Zustand hingegen als relativ “einmaligen” Sonderzustand auf (“State-Theorien”), dann könnte es durchaus möglich sein, daß der “Trancezustand” an sich zu erhöhter Motivation oder gar gesteigertem Gehorsam führt. Diese Position wird heutzutage aber praktisch nicht mehr vertreten, auch nicht von State-Theoretikern, da die empirische Evidenz , die dagegen spricht, einfach zu stark ist.
Zu b): Wer sich hypnotisieren läßt, der identifiziert sich gewöhnlich auch mit der hypnotischen Rolle, also all den Einstellungen und Vorstellungen über Hypnose, die soziokulturell verankert sind, oder die implizit oder explizit durch den Hypnotiseur oder die Situation vermittelt werden. Zum allgemein verbreiteten Bild der Hypnose gehören oftmals auch Passivität, Reaktivität oder auch Willenlosigkeit. Entsprechend kann es sein, daß der Hypnotisierte, der mit entsprechenden Ideen in die Hypnose gegangen ist, in seinem Verhalten auch durch sie mitgeprägt wird.
Zu c): Die hypnotische Beziehung zeichnet sich oft durch eine Art von ”Intimität” und Emotionalität und manchmal auch durch in irgendeiner Form “regressive” Tendenzen auf Seiten des “Subjekts” aus. ( Der Aspekt der Regression hängt aber auch stark vom Kontext ab und sollte nicht zu weit ausgelegt und überstrapaziert werden.) Hierdurch kann es sein, daß der Hypnotisierte in besonderer Weise das Bedürfnis hat, den Aufforderungen des Hypnotiseurs nachzukommen und ihn nicht zu enttäuschen.
d): Der Hypnotisand, der sich auf die Hypnose einläßt, hat sich damit zur Kooperation entschlossen und oftmals auch ein gewisses Vertrauen investiert; zudem befolgt er gewöhnlich eine Reihe von Instruktionen und Suggestionen. Psychologisch gesehen hat das den Effekt, daß eine weitere Kooperation wahrscheinlicher ist.
Die hier diskutierten diversen möglichen Ursachen gesteigerter Motivation unter Hypnose gehen, bis auf a), nicht auf die Hypnose per se zurück, sondern auf sozialpsychologische Aspekte, die indirekt mit der Hypnose verbunden sind. Aus diesem Grund haben diese Faktoren auch erst einmal wenig mit hypnotischer Suggestibilität oder “Tiefe” zu tun. (Sie sind aber, wenn sie vorliegen, natürlich ihrerseits geeignet, über Motivation, Rapport und Vertrauen die Suggestibilität zu erhöhen und die Trance zu “vertiefen”.)
Es sollte betont werden, daß diese Aspekte in ähnlicher Form auch außerhalb der Hypnose bei psychologischen Experimenten, in therapeutischen Settings oder auch im täglichen Leben vorzufinden sind. Auch spricht die experimentelle Evidenz deutlich dafür, daß die Erhöhung der Motivation durch Hypnose ihre Grenzen hat. So verhalten sich etwa in entsprechenden Versuchen”tief Hypnotisierte” keineswegs “gehorsamer” als “Hellwache”, wenn für beide Gruppen die gleichen “situativen Anforderungen” (“Demand Charactersitics”) bestehen, und wenn in beiden Fällen die gleiche persönliche Bindung zum Experimentator aufgebaut wurde. Zudem variieren Motivation, Kooperationsbereitschaft und “Gehorsam” von Individuum zu Individuum erheblich, und das gilt auch für “sehr gut” hypnotische Subjekte.
Hypnose setzt also nicht nur Motivation und Kooperationsbereitschaft voraus, sondern verstärkt umgekehrt auch oftmals die Motivation zur Kooperation und die Bereitschaft, “mitzumachen”, jedoch nur im statistischen Schnitt und nur in begrenztem Maße. Der geschickte Hypnotiseur und Hypnotherapeut wird versuchen, situative Faktoren zu nutzen,um Motivation und Engagement der “Subjekte” zu maximieren, ohne “Abhängigkeit” oder zu starken sozialen Druck zu generieren.
“Genuine” Motivation vs. sozialer Druck
Es ist auch anzumerken, daß “Bereitschaft” oder ”Motivation” zur Hypnose nicht nur durch Begeisterung oder genuines Interesses, sondern natürlich auch aufgrund eines entsprechenden psychologischen Drucks entstehen können. Hier gilt für die Hypnose dasselbe wie für das normale Leben.
Dabei wäre insbesondere zu erwähnen, daß darüber hinaus guter Grund zur Annahme besteht, daß Hypnotisierte in manchen Fällen sozialen Druck fälschlicherweise für einen hypnotischen Zwang halten. Wie im Artikel zu den Hypnoseverbrechen (s.o.) erwähnt, bedrängten beispielsweise in einem Experiment die Hypnoseforscher Calverley und Barber sowohl Hypnotisierte wie Nicht-Hypnotisierte, böswillige Beschwerdebriefe über Vorgesetzte zu verfassen. Obwohl der Gehorsam objektiv in beiden Gruppen gleich war, hatten einige Hypnotisierte das subjektive Gefühl, daß sie durch die Hypnose gezwungen würden – es handelt sich hierbei höchstwahrscheinlich um eine Rationalisierung mit dem Zweck, sich zu entlasten.
Andererseits gilt allgemein, daß Hypnotisierte ihr eigenes Verhalten nicht stets als frei und motiviert erleben. So kann es beispielsweise gerade zu den expliziten oder impliziten Suggestionen einer Hypnose gehören, daß das subjektive Gefühl des Kontrollverlustes oder des erlebten Zwanges entsteht. Entsprechende Suggestionen, bei denen dieser Effekt besonders besteht, werden im Englischen als ”challange suggestions”, als “herausfordernde Suggestionen” bezeichnet, bei denen eine natürliche Fähigkeit des Probanden suggestiv gehemmt wird. Man denke beispielsweise an Instruktionen derart, daß der Hypnotisand trotz aller Mühe seinen Arm nicht beugen, seine Augen nicht öffnen und seinen Namen nicht erinnern kann. Das motivierte und hinreichend suggestible Subjekt mit entsprechender Dissoziationsfähigkeit wird dann genau diese Phänomene wie gefordert subjektiv erleben. (Dies aber nicht, weil er sich in eine willenlose Maschine verwandeln würde, sondern weil er als der “kreative problemlösende Agent” die ihm gestellten Aufgaben lösen möchte.)
Wo verläuft in solchen und vergleichbaren Fällen nun die Grenze zwischen einem Reagieren aus genuiner Motivation und einem aufgrund von sozialem Druck? In beiden Versionen wird das eigene Verhalten ja als außerhalb der subjektiven Kontrolle stehend erlebt. Die Antwort dürfte einfach sein und lauten, daß dann, wenn der Hypnotisierte seinen subjektiv empfundenen “Kontrollverlust” nicht als unangenehm, sondern vielleicht sogar als interessant und faszinierend erlebt, echte Motivation besteht, während dann, wenn er Stress und unangenehme Irritation empfindet, er auf sozialen Druck reagiert.
Die motivationale Sicht der Hypnose
Hypnose – und insbesondere der Aspekt der hypnotischen Suggestibilität – wird oft mit Alltagssuggestibilität konfundiert, also mit “Manipulierbarkeit”, Gehorsam, Willensschwäche und anderen wenig angesehenen Eigenschaften.
Das “Allermindeste”, was der Reaktion auf eine hypnotische Reaktion jedoch gewöhnlich attributiert wird, ist völlige Passivität. Es wird üblicherweise davon ausgegangen, daß die Ausführung einer Suggestion rein mechanisch und automatenhaft stattfindet und wenig mit Absicht und Engagement des “Subjekts” zu tun hat, daß sie eventuell noch nicht einmal seiner willentlichen Kontrolle untersteht.
Solche Auffassungen dürfen jedoch als überholt gelten. Hypnotische Suggestibilität ist eine Fähigkeit und stellt den Ausdruck des willentlichen Strebens seitens einer motivierten Person dar, die zur Kooperation mit dem Hypnotiseur bereit und willens ist. (Siehe auch den Artikel ”Zur Suggestbilität”.)
Man sollte zum Verständnis des hypnotischen Prozesses also nicht an einen Computer denken, der unterschiedslos alle “Programmierbefehle” aufnimmt, die ihm gegeben werden. Der Hypnotisand ist und bleibt ein Mensch, und sowohl die Rezeption wie auch die Ausführung einer hypnotischen Suggestion erfordern, daß das “Subjekt” erkennt, daß seine Reaktion verlangt wird und es eine entsprechende Bereitschaft und Motivation besitzt, um irgendwie zu “versuchen”, den suggerierten Effekt zu realisieren.
Es gilt, daß Hypnose wesentlich einen kooperativen Prozeß darstellt und essentiell auf einem zielgerichteten Streben des Hypnotianden basiert. Der Hypnotisierte ist ein intelligent und aktiv Handelnder, kein passiver Roboter, mit dem einfach etwas geschieht, – auch wenn er seine Aktionen oft als mühelos und unwillkürlich erlebt oder sich auf bewußter Ebene ihrer nicht immer gewahr sein muß. (Dies kann hier nicht umfassend dargelegt werden, geht aber wenigstens zu großen Teilen aus diesem Artikel selbst hervor, auch aus dem Artikel zur hypnotischen Rolle (s.o.), und wird für den Spezialfall der posthypnotischen Suggestion ausführlich im entsprechenden Artikel begründet. Siehe auch weiter unten.)
Kontrastieren wir noch einmal kurz grundlegende verschiedene Auffassungen der Hypnose: Man könnte die in diesem Artikel kritisierte Sichtweise auch als die “mechanistische Auffassung der Hypnose” bezeichnen: Ist das hypnotische “Subjekt” reagiert auf eine Suggestion, weil automatische Prozesse es dazu zwingen, welche ihrerseits mit Wünschen, Bedürfnissen und Absichten des Hypnotisanden nichts zu tun haben.
Dagegen steht der “motivationalen Ansatz der Hypnose”, wie man sie nennen könnte, der hypnotisches Verhalten als Ausdruck der Wünsche, des Willens und Strebens des “Subjekts” betrachtet und in der Motivation des Hypnotisanden den Schlüssel zum Verständnis des Phänomens Hypnose erkennt. Eine solche Betrachtungsweise wurde unter anderem von Erickson vertreten, zuvor aber sogar noch von Robert White, dessen bekannte Formulierung lautet: “Hypnotisches Verhalten ist ein sinnvolles, zielgerichtetes Streben, dessen allgemeinster Zweck es ist, sich wie eine hypnotisierte Person zu verhalten, und zwar so wie dies kontinuierlich durch den Hypnotiseur definiert und vom Subjekt verstanden wird.“
In der Hypnoseforschung hat sich aufgrund einer reichen Evidenz längst die Erkenntnis durchgesetzt, daß dieser Satz einen ganz wesentlichen Aspekt hypnotischen Verhaltens beschreibt. Dies gilt unabhängig von verschiedenen theoretischen Kontroversen in anderen Fragen.
Doch nicht nur innerhalb dessen, was mitunter abschätzig als “Laienhypnose” bezeichnet wird, sondern bis tief hinein in die klinische Hypnose, einschließlich der ärztlich-psychologischen Hypnoseausbildung, herrscht nach wie vor oftmals ein mechanistisches Denken über Hypnose vor – und das etwa 70 Jahren nach Whites Arbeiten. Ein Zustand, an dem es nach Möglichkeit etwas zu ändern gilt.
Mit diesem Artikel hoffe ich, vielleicht einen kleinen Beitrag zur Überwindung verbreiteter Fehlvorstellungen und zur Etablierung eines angemesseneren und “moderneren” Verständnisses beizutragen.
In weiteren Artikeln soll dann auch noch deutlicher herausgestellt werden, wie sehr hypnotisches Verhalten intelligent, planvoll, sozial motiviert und – selbst im Fall hypnotischer Täuschungen etwa in Form von Halluzinationen – an der Realität orientiert ist.
Für den Spezialfall der posthypnotischen Suggestion hoffe und meine ich, daß dieses Ziel bereits durch den entsprechenden Artikel (s.o.) erreicht werden konnte, jedenfalls wenn man die anderen dort dann verlinkten weiteren relevanten Artikel mit beachtet; doch ist es angedacht, Entsprechendes auch den Fall der “Hypnose allgemein” noch näher auszuführen.
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Anmerkungen:
(1*) Zum CSTP und der bislang leider ziemlich unfertigen Erforschung seiner Wirkelemente gibt es von S.J. Lynn einen guten Übersichtsartikel online, der jedoch den Nachteil hat, daß man kaum viel mit ihm anfangen wird können, wenn man sich nicht bereits genauer mit dieser speziellen Thematik beschäftigt oder einen hypnosewissenschaftlichen Hintergrund hat; verlinkt sei er hier dennoch:
http://findarticles.com/p/articles/mi_qa4087/is_200410/ai_n9460073/
(2*) Gegen die These, daß der Hypnotisand bei jeder Suggestion erkennen muß, daß der Inhalt der Suggestion nicht von alleine realisiert wird, sondern daß er selbst etwas “tun” muß, könnte man diesen Einwand erheben: Nach der Theorie der Mesmerismus bleibt der passiv und wird durch die magnetische Kraft geheilt, die der Behandler übermittelt. Auch mit dieser Technik konnten aber erhebliche Erfolge erreicht und die hypnotischen Phänomene induziert werden, inklusive sehr intensiver Anästhesie (etwa durch Elliotson und Esdaile). Hier liegt aber aus mehreren Gründen eine ganz besonders “suggestive” Situation vor, die über das hinausgeht, was beim normalen “Placebo” der Fall ist; zudem würde ich davon ausgehen, daß die Patienten intuitiv irgendwo realisierten, daß das hypothetische magnetische Fluidum der Mesmeristen erforderte, daß sie sich irgendwo für die Wirkung “öffneten” und es nicht so unabhängig von ihrer psychischen Haltung wirken würde wie etwa das Messer des Chirurgen.
Andererseits gibt es Berichte davon, daß Menschen aufgrund der festen Überzeugung, von einem tödlichen Fluch getroffen zu sein, sogar starben (Voodoo-Tod). Der Hypnoseforscher T. Sarbin schlug zur Erklärung vor, daß die entsprechenden Personen derart stark mit der Roll des Opfers von Magie identifiziert waren, daß sie dann tatsächlich das erlitten, was sie erwarteten. Wenn eine extrem starke und sehr tief verankerte, vielleicht seit Kindertagen bestehende Erwartung vorliegt, dann können demnach vielleicht auch starke Suggestiv-Effekte ohne irgendeine “Absicht” in Erscheinung treten. Das postulierte Prinzip, daß bei Hypnose und Wachsuggestion Bereitschaft, Motivation und sogar in irgendeiner Form Absicht und Entscheidung notwendig sind, würde demnach vielleicht für den “Normalfall”, aber nicht schlichtweg ausnahmslos gelten.
(3*) Ab S. 61 hier:
http://www.hipnosis.org.es/hipnosis_pdf/International_Handbook_of_Clinical_Hypnosis.pdf
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