In diesem Artikel soll es um die Frage gehen, ob Hypnose ohne Wissen oder gar gegen den ausdrücklichen Willen des Betroffenen erfolgen kann.
Kürzlich bin ich bei einer Recherche durch Zufall auf eine für den US-amerikanischen Geheimdiest CIA erstellte Expertise gestoßen, die von einem “Edward F. Deshere” verfaßt wurde. Thema war der Einsatz von Hypnose gegen Gefangene bei Verhören, und auch am Rande ein hypnotischer “Schutz” eigener Leute gegen Hypnose, Stress und Schmerz.Wie aus einer kurzen Recherche sichtbar war (und was auch gut zur diskutierten Literatur passt) wurde das Dokument 1960 intern und zuerst nur vertraulich publiziert. Später war die CIA aufgrund neuer Gesetze gezwungen, viel bis dahin geheimes Material öffentlich zu machen, und ich nehme an, daß der Bericht von Deshere in diesem Zusammenhang deklassifiziert und publiziert werden musste. Desheres Text kann sich, soweit es um den Einsatz der Hypnose in feindlichen Verhören geht, aufgrund des Mangels an Untersuchungen nicht auf empirische systematische Forschungen stützen, sondern nur auf theoretische Überlegungen, die jedoch, wie ich meine, allgemein sehr reflektiert und fundiert sind und die durch neuere Forschungsergebnisse, die uns heute bekannt sind, auch erhebliche Unterstützung erhalten haben. Die meisten der Überlegungen halte ich persönlich für zutreffend. Mir soll es hier jedoch nicht um einen höchst fragwürdigen Gebrauch oder Mißbrauch der Hypnose generell gehen, der mit der “nationalen Sicherheit” gerechtfertigt wird, der vermeintlichen Universal-Entschuldigung diktatorisch wie demokratisch verfaßter Unrechtsstaatlichkeit, sondern speziell um die Fragestellung, ob eine Hypnoseinduktion ohne Einverständnis oder gar gegen den ausdrücklichen Willen des Betreffenden möglich ist. Besonders unter diesem Aspekt halte ich den Deshere-Bericht inhaltlich für stark.
Nachdem ich ein Kapitel des Hypnoseforschers Martin Orne zum Thema gelesen habe, wurde mir schnell klar, daß “Deshere” nichts anderes ist als ein Pseudonym, unter dem Orne für die CIA schrieb. Orne selbst soll sein Vorgehen – gemeint ist das offiziell publizierte Kapitel – damit gerechtfertigt haben, daß die CIA dumm sein müsste, wenn sie nach der Lektüre Hypnose für Verhöre einsetzt. Was immer man davon halten mag, ich würde das Kapitel von Orne sehr zur Lektüre empfehlen. Es enthält inhaltlich alles und deutlich mehr als der “Deshere-Report”.Aus Letzterem stammen allerdings meine Zitate, die sich allerdings identisch oder fast identisch auch in Ornes Kapitel finden. Dennoch sei hier auch der “Deshere-Report” verlinkt:
https://www.cia.gov/library/center-for-the-study-of-intelligence/kent-csi/vol4no1/pdf/v04i1a05p.pdf
Wenn ich nun “Deshere” zitiere, dann werde ich ihn als “Orne” bezeichnen, da die Identität kenseits aller Zweifel ist. Im Folgenden möchte ich – weitgehend auf Grundlage von Ornes Überlegungen – die Frage nach unfreiwilliger und unwissentlicher Hypnose-Induktion erörtern. Empfehlen darf ich zum nachfolgenden besseren Verständnis vielleicht auch meine Artikel zu den Themen “Hypnotische Rolle und Demand Characteristics” sowie “Hypnose-Verbrechen“. Wesentliche Erkenntnisse, die von Bedeutung sind, und die ich noch einmal kurz rekapituliert sein sollen, wären im Besonderen:
1. Hypnotisierte (und Probanden allgemein) haben sehr oft den Wunsch bei einem Experiment mitzumachen, und zwar so, wie sie glauben, daß es ausgehen “soll”. Diese Anforderungen der experimentellen Situation werden auch als “Demand Characteristics” bezeichnet und können das Ergebnis eines Versuchs stark beeinflussen. Gerade bei der Hypnose ist dies oft der Fall und stellt die Forschung vor erhebliche Probleme.
2. Zwar ist es sehr einfach, Hypnotisierte dazu zu bringen, alle möglichen Scheinverbrechen in einer geschützten Situation zu vollbringen. Dies ist auch schon lange bekannt und unumstritten. Die “üblichen” Experimente dieser Art haben jedoch eine zentrale Schwäche: Bei näherem Hinsehen ergeben sich starke Anhaltspunkte dafür, daß den Hypnotisierten bewußt oder mindestens unterbewußt dasselbe klar ist wie jedem “Wachen” in derselben Situation: Alles ist nur ein Experiment oder Show, niemandem wird etwas passieren.
3. Die Bereitschaft von Menschen, irgendeiner “Autorität” zu gehorchen - und handele es sich “nur” um einen experimentellen Wissenschaftler – wird allgemein extrem unterschätzt, während die Präsenz und Kraft eines persönlichen Gewissens allgemein genau so enorm überschätzt wird. (Man denke beispielsweise nur an die Milgram-Versuche.) Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, daß sowohl “tief Hypnotisierte” wie “Wache” im selben Maße unethischen, gefährlichen, selbstschädigenden oder unangenehmen Befehlen nachkommen, wenn derselbe soziale Druck und dieselben “Demand Charactersitics” herrschen. Dies bedeutet insbesondere, daß sorgfältig zu prüfen ist, ob der Gehorsam, den ein Hypnotisierter zeigen mag, tatsächlich an der Hypnose liegt oder nicht. (Hierzu sind gute Kontrollgruppen von “Wachen” nötig.)
Eine Gebrauchs-Definition von Hypnose
Um etwas dazu sagen zu können, ob eine Hypnose ohne oder gar gegen den Willen einer Person möglich ist, müssen wir wenigstens eine ganz ungefähre “Arbeitsdefinition” der Hypnose besitzen. Es muß eine gewisse Einigkeit bestehen, ob in einem bestimmten Fall mit Recht gesagt werden kann, daß jemand überhaupt “hypnotisiert” wurde oder nicht. Wie im Artikel “Was ist Hypnose” dargelegt, existieren viele verschiedene und teils widersprüchliche Definitionen, und viele decken nur Teilaspekte ab.
Nach der von verschiedenen Hypnoseforschern akzeptierten (und auch von mir favorisierten) Auffassung kann nur dann im Vollsinne von “Hypnose” die Rede sein, wenn der Hypnotisand sich mit der “hypnotischen Rolle” identifiziert. Unter dieser Annahme ließe sich in der Tat von vornherein sagen, daß Hypnose ohne und gegen den Willen höchst selten überhaupt auch nur in Betracht kommen kann. Viele würden aber “Hypnose” anders definieren, und daher schlage ich dies als provisorische Definition vor:
“Hypnotisiert” ist jemand dann, wenn er zu diesem Zeitpunkt bereit und in der Lage ist, auf Suggestionen zu reagieren, und zwar so, daß er in besonderer Weise als rezeptiv und passiv erscheint: Der Hypnotisierte selbst hat den Eindruck, daß die Umsetzung von Suggestionen mühelos oder automatisch vonstatten geht; oder er hat kein Bewußtsein von der Umsetzung der Suggestionen, obwohl ein solches unter normalen Umständen vorhanden wäre; oder ihm fehlt zumindest später in ungewöhnlicher Weise die Erinnerung (d.h. eine Amnesie liegt vor). Ein weiteres Merkmal der Hypnose wäre der bestehende Rapport zu einem Hypnotiseur; außerdem ist der Hypnotisierte typischerweise “absorbiert” und meist auch entspannt.
Andere Definitionen wären für unsere Zwecke unzulänglich. Wenn Hypnose beispielsweise so definiert würde, daß “hypnotisiert” ist, wer irgendwelchen Suggestionen im Sinne von Befehlen gehorcht, dann wäre der Hypnose-Begriff so weit gefaßt, daß praktisch alles und jedes Hypnose ist; und die Frage, ob man jemanden dann ohne oder gegen seinen Willen hypnotisieren kann, wäre sinnlos – bzw. sie hätte einen völlig anderen Sinn als den offenbar intendierten.
Auch die Definition, daß jemand – im für diese Diskussion relevanten Sinne – “hypnotisiert” sei, wenn er “in Trance” ist, wäre hier ungeeignet oder gar völlig irreführend. Denn entweder man versteht dann unter “Trance” einen einmaligen Sonderzustand; dieser wäre dann jedoch umstritten und bisher nicht überzeugend nachgewiesen. Auch ließe er im Einzelfall ohne Suggestibilitätstests kaum feststellen – womit wir wieder bei der vorgeschlagenen Definition wären, nach der “hypnotisiert” ist, wer bereit ist, auf hypnosetypische Suggestionen zu reagieren, wobei Rapport besteht und in der Regel Absorbiertsein.
Eine zweite Möglichkeit, Hypnose einfach als “Trance” zu definieren, wäre hingegen, daß man unter “Trance” einen normalen Zustand beispielsweise des Absorbiertseins versteht, wie man ihn auch bei einer Entspannungsübung oder im Alltag findet; dann jedoch verliert die Frage, ob man jemanden in diesem Sinne gegen seinen Willen und ohne sein Einverständnis ”hypnotisieren” kann, ihre Bedeutung und vor allem jedwede “Brisanz”:
Denn wenn etwa gefragt wird, ob es möglich ist, Menschen ohne ihr Wissen und Einverständnis zu hypnotisieren, dann ist damit natürlich nicht die Frage gemeint, ob man sie ohne ihr explizites Einverständnis dazu bringen kann, sich auf innere Ereignisse zu konzentrieren oder besonders aufmerksam und absorbiert zu sein. Denn daß dies ist, ist eine Selbstverständlichkeit und geradezu banal und darüber hinaus auch kein Grund zur Aufregung. Nein, die im Raum stehende Frage impliziert natürlich, daß der Hypnotiseur etwas “Besonderes” mit seinem Gegenüber veranstaltet.
Bringt also beispielsweise jemand eine andere Person nur dazu, sich etwas zu entspannen oder zu konzentrieren, dann wäre es doch sehr fraglich, ob man hier von einer “Hypnose” in dem Sinne sprechen kann, wie er in dieser Diskussion offenbar gemeint ist, denn dies ist das Alltäglichste und Harmoseste der Welt. Führt der Hypnotiseur jedoch beispielsweise eine regelrechte Entspannungs- oder Imaginationsübung durch, bei der der Betreffende leicht das Gefühl haben kann, daß die eintretenden Veränderungen ”fließend” und mühelos stattfinden, und in deren Rahmen er auch bereit ist, typische hypnotische Suggestionen zu realisieren, dann läßt sich sicher schon eher von einer “verdeckten” Hypnose sprechen.
Daher erscheint mir die oben gewählte Arbeitsdefinition der Hypnose die naheliegendste zu sein, die allgemein konsensfähig ist. (Hierbei soll es sich nur um eine Gebrauchsdefinition handeln, die mit verschiedenen Theorien der Hypnose vereinbar sein kann; entsprechend wird sie auch in der Hypnoseforschung oft verwendet.)
Hypnose ohne Wissen
Orne selbst führt drei mögliche Szenarien an, innerhalb derer eine “unbemerkte” Hypnose stattfinden kann: a) Hypnose im Schlaf, b) Hypnose im Rahmen einer (durchaus auch informellen) Entspannungsübung c) spontanes “In-Trance-Fallen” beim Beobachten einer Hypnose-Demonstration bei einer anderen Person. Ich würde noch d) Fälle ergänzen, bei denen der Hypnotiseur einer Person vermittelt, daß sie “in Trance gehen” oder hypnotische Phänomene zeigen soll, dabei jedoch überzeugt sein möge, daß sie nicht hypnotisiert ist (entsprechende Demonstrationen von Erickson fallen einem ein).
a) Hypnose im Schlaf: Orne bemerkt hierzu, daß in den Fällen, in denen Hypnose während des Schlafes induziert werden konnte, günstige Voraussetzungen bestanden: Die entsprechenden Hypnotisanden wurden um ihre Erlaubnis gefragt oder konnten sich jedenfalls denken, daß sie im Schlaf hypnotisiert werden sollten und waren damit offenbar einverstanden. Orne berichtet, daß er einige Versuche bei “naiven”, also nicht vor-informierten Personen durchführte, die er während des Schlafes zu hypnotisieren versuchte. Alle diese Experimente schlugen fehl: Die betreffenden Personen wachten entweder irritiert auf oder schliefen einfach weiter.
In anderen Fällen, so mag man ergänzen, dürfte zumindest ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Hypnotiseur und “Subjekt” vorliegen, oder die entsprechende Person wurde bereits zuvor durch den Hypnotiseur “in Trance versetzt” und ist auch grundsätzlich einverstanden, von ihm hypnotisiert zu werden. Alle mir bekannten Autoren, die sich mit dem Phänomen der “Hypnose im Schlaf ” beschäftigt haben, stimmen zudem darin überein, daß der Hypnotisierte auch hier genau so “gehorsam” oder “ungehorsam” ist wie auch bei einer “normalen” Hypnose und genau so Widerstand leisten kann, und daß er zudem “aufwachen” kann, wenn dazu eine Notwendigkeit besteht. Man wird also festhalten können, daß die Hypnose im Schlaf gewöhnlich einer Vorbereitung bedarf, außerdem zumindest eine “implizite” Zustimmung voraussetzt und daß der Hypnotisand letztlich Herr seiner selbst bleibt.
b) Hypnose im Rahmen einer Entspannungsübung (oder ähnlicher Verfahren): Ornekommentiert hierzu: “Es ist oftmals möglich für einen Therapeuten, Hypnose durchzuführen, ohne daß der Patient sich darüber bewußt wäre. Indem er den Patienten anweist, sich zu entspannen, indem er ihm suggeriert, daß er sich mit geschlossenen Augen wohler fühlt, und so weiter, kann der Anwender [Hypnotiseur] eine tiefe Stufe der Trance in relativ kurzer Zeit induzieren, ohne dabei jemals den Begriff Hypnose zu gebrauchen. Selbst wenn das Subjekt nicht explizit zugestimmt hat, hypnotisiert zu werden, ist seine Beziehung zum Hypnotiseur, einem Mann von Reputation und Prestige, hier dennoch von Vertrauen und Zuversicht geprägt, von der berechtigten Erwartung von Hilfe.”
Wir können neben Therapeuten natürlich auch andere “Typen” von Hypnotiseuren ins Auge fassen, die einen gewissen Vertrauensstatus besitzen,. Zudem können alle möglichen Entspannungsübungen, konzentrativen und imaginativen Verfahren, darunter eher formelle und auch sehr informelle zur Anwendung kommen.
Die Frage wäre dann, ob wir es hierbei tatsächlich mit “Hypnose” zu tun haben. Man kann davon ausgehen, daß es im Allgemeinen nicht schwierig ist, jemanden, der bei einer entsprechenden “Entspannungsübung” oder einem vergleichbaren Verfahren mitgemacht hat und sich ohnehin meist in einem passiv-rezeptiven Modus befindet, notfalls durch irgendwelche Erlärungen auch dazu zu bringen, typische hypnotische Suggestionen zu akzeptieren und umzusetzen – oftmals ohne daß die betroffene Person “Verdacht” schöpfen müsste. Zudem mag es durchaus sein, daß bereits fokussierte Aufmerksamkeit und Entspannung eine erhöhte Suggestibilität begünstigen (auch wenn Ausmaß und Stabilität dieses Effekts nicht ganz klar sind), selbst dann, wenn nicht durch das Wort “Hypnose” eine besondere, suggestibilitätssteigernde Erwartungshaltung geschaffen wird.
Es kann also argumentiert werden, daß hier womöglich tatsächlich eine “unbemerkte” oder “versteckte” Hypnose stattfindet. Ob das so ist bzw. was das bedeuten kann, hängt jedoch stark von den theoretischen Auffassungen zur Hypnose ab. Ist man im Sinne klassischer State-Theorien der Ansicht, daß Hypnose mit einem ganz besonderen Bewußtseinszustand einhergeht, der sich beispielsweise von Entspannung, fokussierter Aufmerksamkeit und der Bereitschaft, auf Suggestionen zu reagieren, wesentlich unterscheidet bzw. wesentlich hierüber hinausgeht, dann kann man vielleicht durchaus von einer “heimlichen” Hypnose sprechen und davon, daß der Betreffende glaubt, er sei nur entspannt, während er womöglich ”in Wahrheit” “hypnotisiert” sei.
Wenn man jedoch (wie auch ich) den Non-State-Theorien anhängt und meint, daß beispielsweise eine “Routine-Hypnose” genau darin besteht, daß jemand absorbiert und entspannt ist, bereit ist, bestimmten Suggestionen zu folgen (und sich zudem mit der hypnotischen Rolle identifiziert), dann macht es offensichtlich keinen Sinn, wenn man davon spricht, daß jemand zwar glaubt, er sei “nur” entspannt usw., während er jedoch “in Wahrheit” hypnotisiert sei. Es wäre sonst so, als würde man erklären, daß eine bestimmte Person zwar glaube, daß sie auf einem schwarzen Pferd reite, daß sie sich damit jedoch in einem schweren Irrtum befinde, da es sich tatsächlich doch ganz anders verhalte und sie doch ”in Wahrheit” gar nicht auf einem schwarzen Pferd, sondern vielmehr auf einem Rappen unterwegs sei.
Das einzige, was sich also unter Non-State-theoretischer Perspeltive sagen ließe, wäre, daß die jemand, der sich einem Entspannungs- oder ähnlichem Verfahren unterzogen hat, nicht weiß, daß sein Erleben sprachlich als “Hypnose” bezeichnet werden kann. Wir hätten es hier also nicht mit einer sachlichen, sondern nur einer sprachlichen “Problematik” zu tun.
Es erscheint daher als fraglich, ob Entspannungsverfahren und ähnlichen formellen oder informellen Prozeduren in irgendeinem potentiell “problematischen” oder “überraschenden” oder “bedeutungsvollen” Sinne eine “unbemerkte” Hypnose darstellen können; des Weiteren wäre auch hier auf alle Fälle das bewußte (oder zumindest unterbewußte) Vertrauen und die Kooperation Voraussetzung des Gelingens, wie Deshere zurecht betont. Weiterhin würde auch gelten, daß der “Hypnotisand” die Kontrolle über sein Verhalten beibehält, und zwar mehr noch als bei einer formellen Hypnose, da er nicht an Hypnose denkt und daher auch nicht mit der hypnotischen Rolle und ihren potentiellen Konnotationen von “Ausgeliefertsein” und automatenhaftem Reagieren “belastet” wäre.
c) Spontanes In-Trance-Fallen während der Beobachtung einer hypnotischen Demonstration: Es ist bekannt, daß manche Personen, während sie die Hypnose einer anderen Person beobachten, selbst spontan “in Trance fallen”. Orne merkt an, daß dies in einigen Fällen selbst dann passieren kann, wenn es dem Betreffenden eher unangenehm ist, fährt jedoch fort: “Aber auch hier haben wir es wieder mit einem Subjekt zu tun, das mit den Absichten des Hypnotiseurs sympathisiert und überzeugt ist, sich in einer sicheren Situation zu befinden. Es ist die klinische Beobachtung, daß Patienten mit negativen Einstellungen zur Hypnose nicht empfänglich für spontane Trance sind.”
Auch hier würde man also sagen, daß eine Bereitschaft und ein bestimmtes Einverständnis auf Seiten des potentiellen Hypnotisanden vorliegen müssen. In manchen Fällen mag durchaus auch eine gewisse Ambivalenz bestehen: Die entsprechende Person mag einerseits den Wunsch hegen, nicht in Trance zu fallen, andererseits aber auch ein entsprechendes eigenes Bedürfnisnach Hypnose haben oder sich unter sozialem Druck fühlen, “in Trance zu gehen”. Es fallen einem hierzu vielleicht Berichte von Showhypnotiseuren ein, nach denen manche sehr suggestiblen “Subjekte” mehrere Shows bei demselben Bühnenhypnotiseur besuchten und dabei immer wieder in die Hypnose gingen und dann auf die Bühne gebeten wurden, obwohl sie die Show “eigentlich” nur als Zuschauer genießen wollten. Es ist jedoch ersichtlich, daß in solchen Fällen, in denen der Betreffende dem Showhypnotiseur “hinterherreist” eine erhebliche Sympathie für und Faszination gegenüber der Hypnose besteht, ein positiver Verhältnis zum Hypnotiseur, und eine offensichtliche Bereitschaft oder wenigstens “Toleranz”, doch wieder erneut bei der Hypnose “dabei” zu sein.
d) Fälle, in denen Personen hypnotisiert werden, während ihnen vermittelt wird, daß sie überzeugt sein sollen, nicht hypnotisiert zu sein: Erickson etwa führte immer wieder Demonstrationen von Hypnose vor Publikum durch. Dabei vermittelte er manchmal, daß manche Personen aus dem Auditorium “in Trance” gehen oder hypnotische Phänomene zeigen sollen, während sie glauben und bezeugen sollen, daß sie nicht hypnotisiert seien. (Ich meine in “Hypnotherapie” von Erickson und Rossi finden sich einige interessante Beispiele dieser Art.)
Auch hier haben wir es aber offensichtlich wieder mit Fällen zu tun, bei denen an Hypnose intersserte und zum Mitmachen bereite Personen mit dem Hypnotiseur kooperieren: Ihr Auftrag lautet, Hypnose und hypnotische Phänomene zu demonstrieren, sich dessen aber nicht bewußt zu sein. Und genau dieser Aufforderung kommen die Betreffenden auch nach, wobei sie offenbar von ihrer Fähigkeit zur Dissoziation Gebrauch machen: Sie tun bestimmte Dinge, während sie das Wissen hiervon aus der Repräsentation in ihrem Bewußtsein ausschließen.
In den beiden letzten diskutierten Fällen – der spontanen Trance beim Beobachten von Hypnose und der Hypnose mit Dissoziation des eigentlich vorhandenen Wissens, hypnotisiert zu werden – liegen m.E. übrigens Fälle von “verborgenen” Hypnose auch im engeren Sinne vor, denn in diesen Situationen dürfte der Hypnotisand sich mit Sicherheit auch mit der hypnotischen Rolle identifizieren.
Es wird aber aus dem Gesagten klar, daß von einer ”Hypnose ohne Eonverständnis” oder einer “unbemerkten Hypnose” in all diesen Fällen kaum wirklich der Fall sein kann.
Hypnose gegen den Willen
Etwas anderes als die Hypnose “ohne Wissen” des Betroffenen ist die Hypnose gegen seinen expliziten bewußten Willen. Es existieren einige Versuche zu der Frage, ob jemand gegen Hypnose und hypnotische Suggestionen und Befehle Widerstand leisten kann, mehr noch als zur Zeit der Abfassung des “Deshere”-Reports.
Die Ergebnisse lassen sich so zusammenfassen: Einige Experimentatoren berichteten, daß es den “Subjekten” möglich war, den hypnotischen Suggestionen zu widerstehen, andere, daß es ihnen nicht möglich war. Die Ergebnisse von E. Hilgard sind gemischt: Einige Subjekte leisteten erfolgreich Widerstand, andere nicht. Diejenigen, die sich erfolgreich mindestens einer Suggestion verweigerten, empfanden dies jedoch als eine unerfreuliche Aufgabe und kamen sich wie “Spielverderber” vor. Offenbar wurde also die Verweigerung von Suggestionen als wenig sinnvoll erlebt, und die Motivation hierzu war eher gering.
Orne vermutet, daß die scheinbare Unfähigkeit mancher Hypnotisierter, der Hypnose und den hypnotischen Suggestionen widerstehen zu können, auf die “Demand Characteristics” der Hypnose zurückght: Die Teilnehmer von Versuchen bemühen sich im Allgemeinen, daß ein Experiment “erfolgreich” verläuft, daß sie die Erwartungen des Versuchsleiters erfüllen. Das gilt insbesondere im Rahmen einer hypnotischen Beziehung und bedeutet, daß sich die hypnotisierten Probanden entsprechend dem verhalten, was sie glauben, daß es die gewünschten Resultate des Experimentes sind. Im vorliegenden Fall ist es möglich, daß die Teilnehmer in einigen der Experimente glaubten, daß es der Sinn und Zweck der jeweiligen Versuche wäre, zu zeigen, daß Hypnose auch gegen den Willen des Betroffenen induziert werden kann. Deswegen könnte ihre Reaktion so aussehen, daß sie äußerlich und auf bewußter Ebene Widerstand gegen die Hypnose leisten, um sich aber tatsächlich auf die Hypnose einzulassen und so die These des Experimentators von der “Unfähigkeit zum Widerstand” zu beweisen.
Bei den geschilderten Versuchen wurden üblicherweise “gute” hypnotische Subjekte verwendet, wie sie fast immer eine positive Einstellung zur Hypnose haben. und wie Deshere bemerkt – und das gilt auch für zeitlich spätere Experimente - hatten die entsprechenden “Subjekte” bereits vor dem eigentlichen Experiment eine Hypnose erlebt und eine Beziehung zum Hypnotiseur aufbauen können.
Die Anpassung an die “Demand Characteristics” würde auch gut die Unterschiedlichkeit der Ergebnissen verschiedener Versuche erklären: In den Fällen, in denen die Versuchspersonen erfolgreich Widerstand leisten konnten, nahmen sie die “Demand Characteristics” so war, daß es Sinn und Zweck des Versuchs war, die Widerstansfähigkeit zu beweisen; in den Versuchen, in denen die Hypnotisanden scheinbar keinen Widerstand leisten konnten, bestanden die “Demand Characteristics” , so wie sie erlebt wurden, darin, daß eben die Unfähigkeit zur Steuerung des eigenen Verhaltens zu beweisen ist; und in den Versuchen mit gemischten Ergebnissen waren die “Demand Characteristics” womöglich unklar oder wurden durch verschiedene Teilnehmer verschieden interpretiert.
Seit dem Bericht von Orne, der 1960 erschien, ist viel Zeit vergangen, und inzwischen besteht eine gute Evidenz dafür, daß Ornes Vermutungen korrekt waren, und daß auch exzellente “Subjekte” in der Tat Hypnose und hypnotischen Suggestionen widerstehen können und allein aufgrund von verzerrenden Einflüssen von “Demand Characteritics” ein anderer Eindruck entstehen kann. So wurde beispielsweise in einem Experiment einer Gruppe von hochsuggestiblen Probanden mitgeteilt, daß es für gute hypnotische Subjekte typisch sei, daß sie in Suggestionen widerstehen können; das Ergebnis war, daß die “tief Hypnotisierten” sich dementsprechend dann auch praktisch immer erfolgreich Suggestionen zu verweigern vermochten. Zudem hat eine Reihe von Versuchen ergeben, daß “Wache” in mindestens demselben Maße zu Gehorsam gegenüber “unangenehmen” Befehlen bereit sind wie “tief hypnotisierte” Subjekte, wenn derselbe soziale und situative Druck besteht; und falls es eine Tendenz gibt, ist sogar der Gehorsam “Wacher” eher größer als der von hochsuggestiblen hypnotischen Probanden. Ganz entsprechend sehen die Ergebnisse für posthypnotische Suggestionen aus, wie mehrere Experimente klar und stets mit demselben Ergebnis zeigen: Der Gehorsam “tief Hypnotisierter” gegenüber einer posthypnotischen Suggestion ist keineswegs größer als der von Nicht-Hypnotisierten gegenüber einer sinngleichen Wachinstruktion. (Wenn der hochsuggestible Hypnotisand den posthypnotischen Auftrag als sinnvoll empfindet und ihn nicht nur ausführt, weil er “befohlen” wurde, mag das anders sein, wobei dies meines Wissens noch nicht untersucht wurde; es ist aber auch für die hier diskutierte Frage des ”blinden (post)hypnotischen Gehordams” nicht relevant.)
Es ist also durchaus der Fall, daß motivierte Versuchsteilnehmer, deren übergeordnete Priorität es ist, dem Experiment zu helfen und gute hypnotische Subjekte zu sein, ihr eigenes Verhalten als “zwanghaft” erleben oder das Gefühl des “Kontrollverlusts” erleben, und auch, daß sie einer Hypnose-Induktion nicht widerstehen können. Daß allerdings eine Hypnose gegen den tatsächlichen Willen und ohne eine übergeordnete Kooperationsbereitschaft möglich wäre, läßt sich hieraus nicht schließen; vielmehr sprechen die Ergebnisse verschiedener Forschungen und das gegenwärtige (und gut begründete) theoretische Verständnis der Hypnose gegen eine solche Annahme. Denn Hypnose ist ein motivierter und auf Kooperation beruhender Prozeß. (Zur Bedeutung von Absicht und Motivation für das Gelingen der Hypnose siehe auch den Artikel “Die Bedeutung der Motivation für die Erwartung”.)
Schlußfolgerungen
Orne merkt zur Hypnose ohne willentliche Zustimmung und gegen den Widerstand des “Subjekts” an: “Trance wird gewöhnlich in Situationen induziert, in denen das Subjekt a priori motiviert ist, mit dem Hypnotiseur zusammenarbeiten, gewöhnlich um Erleichterung von einem Leiden zu erhalten, um etwas zu einer wissenschaftlichen Studie beizutragen, oder (wie in der Bühnenhypnose) um im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Beinahe alle Informationen über Hypnose, die derzeit erhältlich sind, stammen aus solchen Situationen, und diese Tatsache muß bedacht werden, wenn jemand versucht, die Daten auf Situationen anzuwenden, die von diesen verschieden sind [....] Wir kommen zum Schluß, daß viele scheinbare Fälle von Hypnose ohne Gewahrsein oder Einverständnis alle von einer positiven Beziehung zwischen Subjekt und Hypnotiseur abzuhängen scheinen.”
Was damals schon durch Orne und andere vermutet wurde, hat nun weitere Unterstützung durch zwischenzeitlich erfolgte Forschungsarbeiten erhalten. So würde ich behaupten wollen, daß die Aussage, daß niemand ohne seine Zustimmung oder gegen seinen Willen hypnotisiert werden kann, heutzutage recht gut fundiert ist.
Soweit ich weiß kann man niemanden z.B. Hypnotisieren, jemanden umzubringen, wenn er es nicht selber unterbewusst will, da das Lymbische System, das Älteste Gehirn sogar Kontrolle über das Unterbewusstsein hat. Und wenn es um die Erhaltung der Art geht schaltet es sich automatisch ein. Oder wenn jemand etwas untwerbewusst wirklich nicht will, wacht er automatisch aus der Hypnose auf.
Danke für den Kommentar. Ich würde zwar etwas anders argumentieren, stimme der Schlußfolgerung aber zu. Vielleicht darf ich dazu auch auf meinen Artikel zu “Hypnose-Verbrechen” verweisen:
http://hypnoseverbrecheninfo.wordpress.com/2010/04/07/hypnose-verbrechen/
Dem kann ich nicht zustimmen!
Hypnose ist definitiv gegen den Willen und ohne es zu Wissen möglich!
Ich berufe mich da auf meine persönlichen praktischen Erfahrungen, die ich Leider nich so fundiert beweisen kann da sie nie dokumentiert wurden. Man könnte sie nur durch vllt Zeugenaussagen bestätigen. Fakt ist das es geht und wer etwas anderes behauptet hat die Erfahrung noch nicht gemacht oder hat noch nie in älteren Hypnoseliteraturen um 1920 gelesen.
Dennoch muss ich die Berichterstattung des Autors loben!Schade das es zu wenige gibt die sich so umfassend mit solchen Themen auseinandersetzen obwoh ich dem Ergebnis bzw. dem Fazit nicht zustimmen kann!
MfG
Die ältere Literatur kenne ich durchaus, meine aber nicht, daß sie überzeugend etwas darlegt, was meiner These widersprechen würde. Meine Vermutung ist, daß Du bestimmte Beobachtungen machst und aus diesen dann Schlußfolgerungen ziehst, die naheliegend, aber letztlich doch fragwürdig sind.
Denn daß Menschen subjektiv das Gefühl haben können, daß Hypnose gegen ihren Willen stattfindet leugne ich ja nicht.
Allerdings hat die Hypnoseforschung einige Dinge klar gezeigt:
- Hypnotisierte können sehrwohl das subjektive Gefühl des Zwanges zeigen, ohne daß ihr objektives Verhalten damit jedoch kongruent wäre.Siehe etwa:
http://hypnoseinfos.wordpress.com/2010/09/21/die-posthypnotische-suggestion/
- Hypnotisierten können alle möglichen Dinge erfolgreich befohlen werden, bis hin zu schweren Scheverbrechen. Jedoch begehen “Wache” unter denselben Bedingungen dieselben taten, und im Allgemeinen durchschauen zudem die Probanden die Situation.
- Zudem weiß man, daß die Bereitschaft von Menschen zum Gehorsam generell sehr groß ist,
Siehe dazu jeweils etwa:
http://hypnoseverbrecheninfo.wordpress.com/2010/04/07/hypnose-verbrechen/
Um zu belegen, daß man jemanden in eine Hypnose zwingen oder mit Hypnose zu bestimmten Taten zwingen kann, reicht es daher nicht aus, daß ein Proband irgendetwas tut, von dem man spontan annehmen würde, daß es ein “Wacher” nicht täte, und auch nicht, daß er sich unter Zwang stehend fühlt. Es wäre vielmehr ein Experiment notwendig, das Wache und Hypnotisierte vergleicht und bei dem sichergestellt ist, daß derselbe situative Druck und dasselbe Verhältnis zum Experimentator besteht. Trotz vieler, auch guter Experimente, ist das nicht gelungen.