Hypnose(forschung): Eine kleine Einführung

Da verschiedene Begriffe und Grundlagen der Hypnose(forschung) immer wieder in diesem Blog gebraucht werden,  möchte ich an dieser Stelle für den interessierten Leser eine kleine und bescheidene Einführung in die Hypnose und Hypnosewissenschaft schreiben.

Dieser Blog beschäftigt sich vor allem mit der wissenschaftlichen Seite der Hypnose und weniger mit ihrer klinischen Anwendung: Nicht, was Hypnose für den Patienten leisten kann, sondern was Hypnose eigentlich an und für sich ist und wie sie funktioniert, steht hier im Fokus des Interesses. Der folgende Artikel behandelt das Thema Hypnose daher auch unter dem Schwerpunkt der Hypnoseforschung. (Für eine allgemeinere Perspektive siehe “Was ist Hypnose?”)

“Hypnoseforschung”, Hypnosewissenschaft”, “experimentelle Hypnose”, “Hypnose im Labor” sind Ausdrücke, die ich synonym verwende.

Allgemeines

Mit dem Begriff Hypnose wird manchmal das Verfahren, manchmal auch der Zustand der Hypnose bezeichnet, wobei sich für letzteren insbesondere die Bezeichnung (hypnotische) Trance durchgesetzt hat.

Hypnose ist typischerweise eine Interaktion eines Hypnotiseurs  mit “Subjekten”, die von ihm sog. Suggestionen empfangen. Suggestionen sind verbale Mitteilungen, die zu einer Veränderung von Wahrnehmung, Erinnerung, Denken, Gefühl oder Verhalten führen sollen. Die Reaktion auf eine hypnotische Suggestion untersteht nicht allein der willentlichen Kontrolle, und bei einer “erfolgreichen Antwort auf eine Suggestion erlebt der Hypnotisierte, daß seine Reaktion mit Mühelosigkeit, Unwillkürlichkeit oder einem Gefühl des Zwanges einhergeht. Oder er weiß nicht, was er tut oder warum (was insbesondere im Zusammenhang mit der “posthypnotischen Suggestion” gilt, s.u.).

Bei einer klassischen Hypnose-Einleitung werden die Subjekte/Probanden/Versuchspersonen/Hypnotisanden/Klienten/….  typischerweise angeleitet, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren und nach innen zu richten; außerdem ist Entspannung meistens (wenn auch nicht immer) Teil einer Hypnoseeinleitung, einer sog. Induktion. Man spricht bei solch einer “typischen” Hypnose auch von einer Routine-Hypnose. Besonders im klinischen Setting werden jedoch teils auch informellere oder variierende Induktionen benutzt.

Die Induktion soll den Hypnotisanden in den Zustand der sog. “hypnotischen Trance” verstzen. Was diese genau ist und worin seine Bedeutung besteht, ist allerdings nach wie vor nicht voll geklärt und umstritten.  Traditionell wurde/wird angenommen, daß der hypnotische Zustand ein spezieller Bewußtseinszustand ist, so wie Schlaf, Wachzustand, Koma usw., und daß ein Merkmal dieses Zustandes Hypersuggestibilität ist (State-Theorien).

Viele Hypnoseforscher gehen heute (etwas vereinfacht gesagt) jedoch davon aus, daß der Zustand bei einer Routine-Hypnose dem bei einer Entspannungsübung prinzipiell gleicht; demnach wäre der “typische” hypnotische Zustand ein Verfassung von erhöhter Absorbiertheit, wie man sie prinzipiell auch im Alltag findet, und somit kein “spezieller Bewußtseinszustand” im strengen Sinne. Zudem wird von den Anhänger dieser Auffassung angenommen, daß Hypnose/Suggestion auch ohne Trance voll ausgeprägt “funktioniert”, und daß die Trance nur eines der vielen möglichen Phänomene ist, die man durch Suggestionen hervorrufen kann. Demnach ist auch die Einleitung einer solchen Trance für die Hypnose gar nicht nöig ist, und es besteht kein prinzipieller Unterschied zwischen Wach- und hypnotischen Suggestionen. (Non-State-Theorien).

Auf alle Fälle gilt, daß der Zustand bei der Hypnose weder etwas mit Schlaf, noch mit Bewußtlosigkeit, noch mit verminderter Intelligenz oder fehlender Willenskraft zu tun hat. Der Hypnotisierte bleibt während einer Hypnose zudem ein “vollwertiger” Mensch mit allen seinen Fähigkeiten.

Hypnotisierte erleben den Zustand der Hypnose sehr verschieden: Manche fühlen sich hypnotisiert, andere nur konzentriert; manche entspannt, andere nicht; einige fühlen sich einfach absorbiert, andere nur bereit, auf Suggestionen zu reagieren; wieder andere fühlen sich wie zwischen Schlaf und Wachsein (obwohl sie tatsächlich wach sind), oder auch wie bei einer Meditation. Ungeachtet davon, wie jemand die Hypnose erlebt, kann es sein, daß er gut oder weniger gut auf hypnotische Suggestionen reagiert.

Während der Hypnose kommt es manchmal zu ungewöhnlichen Erlebnisse: Beispielsweise kann der Proband das Gefühl haben, daß sein Körper schwerer oder leichter wird, oder daß er komplett körperlos ist, oder daß sein Körper größer wird, oder daß die Proportionen seines Körpers sich verändern; oder er hat das Gefühl, Suggestionen nicht widerstehen zu können, oder er hört vielleicht die Stimme des Hypnotiseurs manchmal wie aus der Ferne (“Fading”), oder die Umgebung tritt völlig in den Hintergrund, oder die Dauer der Hypnose wir über- oder (meistens) unterschätzt; oder das “Subjekt” denkt eher in Bildern, oder nimmt ein spontanes Licht wahr; der Möglichkeiten sind unzählige.

Auch für diese Erlebnisse gilt, daß jemand gut oder weniger gut auf Hypnose reagieren kann, ob er solche Erfahrungen macht oder nicht.

Die Beendigung der Hypnose heißt übrigens Exduktion oder auch Dehypnose oder einfach (Hypnose-)Ausleitung; das Aufheben von einzelnen Suggestionen kann als “Desuggestion” bezeichnet werden.

Suggestibilität

Für die Hypnoseforschung wichtig ist insbesondere der Begriff der (hypnotischen) Suggestibilität (auch: hypnotische Empfänglichkeit oder hypnotische Fähigkeit). Gemeint ist damit, wie gut ein Hypnotisierter  – zum Zeitpunkt einer Messung – auf hypnotische Suggestionen reagiert, die typische hypnotische Phänomene evozieren sollen.

Zu den hypnotischen Phänomenen zählen beispielsweise einfache motorische Bewegungen, die so erlebt werden, als ob sie von selbst stattfinden würden (wie etwa bei einer Handlevitation: der Unterarm wird als leicht wahrgenommen und hebt sich wie von alleine). Weitere hypnotische Phänomene wären solche, bei denen Bewegungen blockiert werden. Der Proband versucht etwa aufzustehen oder die Augen zu öffnen, schaftt es jedoch nicht. Die beiden Phänomen-Gruppen werden zusammenfassend auch als motorische Phänomene bezeichnet.

Ihnen entgegen stehen sog. kognitiv Phänomene: Hierzu gehören beispielsweise Halluzinationen aller Sinne. Sie können positiv sein (der Probband sieht beispielsweise etwas, was gar nicht da ist) oder auch negativ (der Proband sieht oder riecht oder schmeckt beispielsweise etwas nicht, obwohl es da ist). Ein weiteres Phänomen wäre die sog. Altersregression: Der Hypnotisierte erlebt sich (gegebenenfalls auf subjektiver Ebene vollständig) so wie in einem früheren Alter, beispielsweise als Kind. Sodann gibt es die Amnesie: Der Hypnotisierte erinnert sich an etwas nicht. Ein Spezialfall ist die (suggerierte) posthypnotische Amnesie: Dem Subjekt wird gesagt, daß es sich nach der Hypnose an nichts erinnern könne, was während der Hypnose stattgefunden hat.   Hinzu kommen verschiedene mentale Illusionen: Beispielsweise wird (etwa in der Showhypnose) suggeriert, daß der Proband ein berühmter Sportler oder ein Alien sei, oder daß der Fernseher vor ihm eine Zeitmaschine sei.  Solche und alle anderen Suggestionen lassen sich auch während der Hypnose für die Zeit nach der Beendigung der Hypnose geben: Man spricht dann von sog. posthypnotischen Suggestionen bzw. “posthypnotischen Aufträgen” (siehe “Die posthypnotische Suggestion”).

Wie Menschen auf Suggestionen reagieren, ist individuell sehr verschieden; aber die Tendez geht dahin, daß kognitive Items (Testaufgaben) schwieriger als motorische sind, und daher von weniger Subjekten erfolgreich umgesetzt werden; besonders schwierig ist beispielsweise die negative visuelle Halluzination, also das Nicht-Wahrnehmen eines sichtbaren Gegenstandes.

Die Hypnoseforschung benutzt verschiedene Meßskalen, um die hypnotische Suggestibilität eines Menschen zum Zeitpunkt des Tests zu eruieren. Dabei werden diverse Suggestionen (meist zwölf) sukzessive nacheinander gegeben und die Reaktion des “Subjekts” getestet. Objektive Scores/Punkte geben darüber Auskunft, wie gut jemand verhaltensmäßig auf eine Suggestion reagiert. Wenn eine Versuchsperson also  beispielsweise auf die Suggestion hin, daß ein lästiger Moskito sie anfliegt und sie es vertreiben soll, die Hand bewegt, dann hat sie den Test “objektiv” bestanden. Subjektive Scores geben hingegen an, wie intensiv ein Hypnotisand die suggerierte Wirklichkeit für erlebt hat (beispielsweise wie deutlich und realistisch er also etwa den Moskito tatsächlich gehört hat).

Manchmal wird auch durch Fragebögen gemessen, wie sehr ein Suggestiv-Phänomen als mühelos/automatisch/unwillkürlich erlebt wird.

Einige Skalen werden durch Tonträger bei ganzen Gruppen von Probanden benutzt; andere eignen sich zum individuellen Test; einige haben nur objektive, andere auch subjektive Scores; manche haben vor allem leichte, andere leichte und schwierige oder auch nur schwierige Items. Am bekanntesten sind sicherlich die alten, aber bewährten Stanford-Skalen sowie ihre jeweiligen Weiterentwicklungen und Ableitungen. (Hierzu gehören beispielsweise die sog. HGSHS:A und die sog. SHSS:C.) Die üblichen Hypnoseskalen korrelieren untereinander recht hoch. Was heißt das?

An dieser Stelle ein kleiner, aber sehr wichtiger Einschub: Korrelation ist der Ausdruck dafür, daß zwei Größen zusammenhängen. Wenn jemand beispielsweise auf der Hypnoseskala HGSHS:A einen hohen Wert erreicht, dann ist es ziemlich wahrscheinlich, daß er auch auf einer beliebigen anderen Skala (z.B. der  SHSS:C) gut abschneidet. Wenn jemand hingegen auf der HGSHS:A schlecht abschneidet, dann wird er das vermutlich auch auf der SHSS:C oder einer anderen Skala tun. Je stärker ausgeprägt dieser Zusammenhang ist, desto höher die Korrelation der Skalen. Man kann dabei sagen: Die HGSHSS:A und die SHSS:C korrelieren positiv. Oder auch nur: Sie korrelieren. (Das “positiv” kann meistens weggelassen werden.)

Dies ist also eine positive Korrelation; eine negative Korrelation ist das Gegenteil: Wenn Probanden beispielsweise um so schlechter auf einer Hypnoseskala abschneiden, je gestresster sie sind, dann gilt: Hypnotische Suggestibilität und Stress korrelieren negativ.

Bei solchen Aussagen ist es wichtig sich vor Augen zu halten, daß sie sich auf statistische Schnitte und nicht den einzelnen Menschen beziehen.

Wenn kein Training stattfindet, dann ist übrigens die Suggestibilität, wie sie von den Skalen gemessen wird, meist relativ stabil, auch über längere Zeitspannen hinweg. Wie sehr die Suggestibilität durch Training zu beeinflussen ist, ist umstritten. Die State-Theoretiker sehen hypnotische Suggestibilität  meistens als relativ stabil an, die Non-State-Theoretiker meistens als gut beeinflußbar; aber auch da gibt es Ausnahmen.

Wenn eine Person (zur Zeit der Messung) schlecht auf einer Hypnoseskala abschneidet, so wird sie als geringsuggestibel oder auch gering hypnotisierbar oder unhypnotisierbar bezeichnet. Wenn jemand mittelmäßig abschneidet, dann wird er als “mittel suggestibel” bezeichnet; und diejenigen, die gut abschneiden, sind die sog. Hochsuggestiblen (auch: Hochhypnotisrbaren). Die Terminologie ist problematisch, soll jedoch nicht automatisch beinhalten, daß Suggestibilität eine feste Größe wäre.

Etwa 20% der Probanden schneiden jeweils im niedrigen und im hohen Bereich der Skalen ab , die restlichen 60 gehören zum breitem Mittelmaß und sind “mittel suggestibel” – je nach Skala und anderen Umständen.

Wachsuggestibilität bezeichnet die Suggestibilität, die man findet, wenn hypnosetypische Suggestionen außerhalb eines hypnotischen Kontextes bzw. Settings und ohne vorherige hypnotische Induktion gegeben werden. Die Wachsuggestibilität und die hypnotische Suggestibilität korrelieren in hohem Maße (hängen deutlich zusammen). Die Wachsuggestibilität liegt statistisch signifikant unterhalb der hypnotischen Suggestibilität, ist aber weit höher als weithin angenommen; zudem lassen sich sämtliche hypnotischen Phänomene durch Wachsuggestionen hervorrufen, auch sehr schwierige (wie beispielsweise positive und negative visuelle Halluzinationen). Letztere Erkenntnis besitzt nach wie vor keinen großen Bekannheitsgrad, obwohl schon der späte Braid es wußte. Siehe hierzu auch den Artikel  “Wach- und hypnotische Suggestionen”

Der Begriff Hypnotisierbarkeit wird meistens mit hypnotischer Suggestibilität synonym gebraucht; einige Autoren verwenden ihn allerdings auch, um die Differenz von Wach. und hypnotischer Suggestibilität zu benennen (also um wie viel besser jemand unter Hypnose als im “Wachzustand” auf Suggestionen reagiert).

Es sollte noch gesagt werden, daß Experimente gezeigt haben, daß hypnotische Suggestibilität wenig oder nichts mit “Manipulierbarkeit” oder Willensschwäche zu tun hat, sondern vielmehr eine Fähigkeit darstellt; Hypnose ist zudem ein kooperativer Prozeß, bei dem es darauf ankommt, daß der Hypnotisierte “mitmacht”.

Tiefe

Unter Tiefe wird allgemein meistens oder jedenfalls in erster Linie dasselbe wie unter Suggestibilität verstanden. Wenn von einer “tief hypnotisierten Person” gesprochen wird, dann meint man gewöhnlich jemanden, der hochsuggestibel ist. Jedoch hat der Begriff gerade in der Hypnoseforschung heutzutage meist die Bedeutung des subjektiven Ausmaßes, in dem sich jemand “tief hypnotisiert” fühlt. Die hypnotische Tiefe schwankt typischerweise während einer Hypnose-Sitzung erheblich, und die durchschnittliche Tiefe korreliert recht hoch mit der Suggestibilität.

Das klassische “tief hypnotisierte” Subjekt zeichnet sich eigentlich durch beides aus: Hohe Suggestibilität und vergleichsweise große subjektiv empfundene Tiefe (und eventuell auch noch  durch spontanes Vergessen, die sog. spontane posthypnotische Amnesie). In der Hypnoseforschung wird jedoch meist nur die Suggestibilität berücksichtigt, wenn Probanden für Hypnose-Experimente ausgewählt werden; ein Vorgehen, das allerdings auch einigermaßen gerechtfertigt zu sein scheint.

Spontane posthypnotische Amnesie

Nach einer Hypnose-Sitzung kann es zur spontanen posthypnotischen Amnesie kommen: Das Subjekt erinnert sich nicht an die Inhalte der Sitzung. Diese Amnesie kann partiell oder auch vollständig sein und sie tritt von alleine ein, anders als die “suggerierte Amnesie”, die ich oben schon erwähnt hatte. Der Betroffene erinnert sich dann jedoch typischerweise  in Folge- Hypnosesitzungen wieder an die vergessenen Inhalte; auch ist eine solche Amnesie suggestiv leicht zu verhindern oder aufzuheben; zudem ist sie insbesondere in der experimentellen Hypnose selten anzutreffen (unter 10%), selbst bei “Hochsuggestiblen”. Es gibt Hinweise darauf, daß es sich zumindest teilweise um ein “artifizielles” Phänomen handelt, hervorgerufen durch die Erwartung: Bei einem Experiment erlebten 75% derjenigen, die eine spontane Amnesie erwarteten, diese auch; von denen, die sie nicht erwarteten, aber niemand. In der klinischen und Showhypnose tritt die spontane Amnesie häufiger auf, hat dort aber vermutlich auch jeweils spezielle Ursachen.

Rapport und “archaisches Involviertsein”

Rapport ist die Bezeichnung für die Beziehung zwischen Hypnotiseur und “Subjekt”. Wenn die Beziehung gut ist, spricht man entsprechend von einem “guten Rapport”. Ursprünglich war mit dem Begriff der sog. Exklusivrapport gemeint, bei dem der Hypnotisierte nichts mehr außer den Hypnotiseur allein wahrnimmt. Auch dieses Phänomen scheint jedoch meistens ein Artefakt der Erwartung zu sein.

Archaisches Involviertsein ist ein Konzept, das den Grad bezeichnet, indem der Hypnotisierte den Hypnotiseur als eine Art mächtige Vater- oder Mutterfigur wahrnimmt, mit der er sich besonders verbunden fühlt, und die er nicht enttäuschen will; das Konzept wurde vom psychoanalytisch ausgerichteten Autor Ronald Shor entwickelt. Obwohl Shor ursprünglich meinte, daß das “archaic involvement”, wie es im Englischen heißt, fast nur in der Klinik und kaum im Labor zu finden sein wird, tritt es in der Tat auch in Letzterem auf. Es gibt sogar eine Skala in Form eines Selbstbeurteilungsbogens, mit dem sich dieses Phänomen erheben läßt. Das archaische Involviertsein ist sehr wahrscheinlich eine künstliche, aber dennoch interessante Größe in der Hypnose, und es korreliert positiv mit der hypnotischen Suggestibilität.

Hypnotische Rolle, Metasuggestionen. Simulanten

Hypnotisierte verhalten sich im hohen Maße so, wie sie glauben, daß es von einem guten hypnotischen Subjekt erwartet wird.  Dis ist in der Regel  kein bewußtes “Schauspielern”, sondern ein Effekt von Erwartung und Motivation. Bei Behandlungen durch den Mesmerismus, der als Vorgänger der Hypnose gilt, hatten die Patienten beispielsweise Krampfanfälle und erbrachen, entsprechend den jeweiligen Erwartungen. Auch das, was der Hypnotiseur (oftmals völlig unabsichtlich) an Erwartungen vermittelt, kann das Verhalten der “Subjekte” beeinflussen. Wie bereits gesagt, scheinen etwa Phänomene wie spontane hypnotische Amnesie oder der Exklusivrapport in hohem Maße Ergebnis der Erwartung zu sein. In diesem Zusammengang ist von der hypnotischen Rolle, den Demand Characteristics (“situativen Anfordrungen”), von Kontext, Setting, Frame/Rahmen oder Metasuggestion die Rede. (Siehe auch “Hypnotische Rolle[...]“)

Hier steht die Hypnoseforschung übrigens vor einem riesigen Problem. Denn oftmals stellt sich die folgende Frage: Wenn sich ein hypnotisches Subjekt so und so verhält, tut es das wegen der Hypnose bzw. eines hypnotisches Phänomens, oder einfach nur, weil es glaubt, daß ein Hypnotisierter sich so zu verhalten hat (oder weil der Experimentator es vielleicht unwillkürlich in diese Richtung beeinflußt)?

Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, wurden u.a. die Simulanten erfunden Diese Probanden schauspielern nur, daß sie hypnotisiert sind, und ihr Verhalten wird dann mit dem von guten hypnotischen Subjekten vergleichen. (Siehe “Simulanten”)

Dissoziation, Trancelogik, Hidden Observer

Dissoziation ist ein sehr wichtiger Begriff in der Hypnose. Er kann verschiedene Bedeutungen haben; beispielsweise einfach den, daß ein Subjekt, wenn es stark konzentriert ist, störende Wahrnehmungsinhalte einfach “ausfiltert” und nicht bewußt erlebt. Vor allem meint Dissoziation aber auch die Aufspaltung kognitiver Prozesse (also von Prozessen des Denkens bzw. der Informationsverarbeiung) in solche, die bewußt stattfinden und solche, die sich  unterbewußt ereignen. Dieses Konzept wird von vielen Experten als zentral zum Verständnis der Hypnose angesehen, m.E. zurecht. Wenn ein Hypnotisierter beispielsweise eine Person auf einem Stuhl negativ halluziniert, dann wird er dennoch vermeiden, sich auf diesen Stuhl zu setzen, wenn er nicht gedrängt wird. Auch gilt zum Beispiel, daß das “Subjekt” bei einer Amnesie zwar bestimmte Inhalte auf bewußter Ebene vergessen mag, daß dieses Wissen sein Verhalten aber weiterhin beeinflußt.

Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Trancelogik. Gemeint ist damit die Fähigkeit, logische Widersprüche wie gerade beschrieben zu tolerieren, wobei diese oft die Widersprüchlichkeit von bewußtem und unterbewußtem Denken und Erleben darstellen. Verwandt damit ist der Begriff des Hidden Observer (des “verborgenen Beobachters”). Dies ist eine Metapher  dafür, daß Hypnotisierte während einer hypnotischen Illusion oder einer Amnesie weiterhin auf einer unbewußten, verborgenen Ebene die Realität kennen; wenn sie diese dann nicht nur implizit in ihrem Verhalten zeigen, sondern auch noch explizit verbalisieren, dann wird nicht nur von “Trancelogik”, sondern eben auch vom “Hidden Observer” gesprochen. Zugrunde liegt aber offenbar dasselbe Phänomen: Dissoziation, bzw. das Vorhandensein unterbewußter, aber intelligenter kognitiver Prozesse.  Ein Beispiel für den “Hidden Observer” wäre der Fall eines hypnotisch Tauben, dem auf glaubwürdige Weise gesagt wird, daß er auf unterbewußter Ebene das Gesagte weiterhin gehört hat und er sich an das erinnert, was schon gesagt wurde, und der dann entsprechend reagiert.

Insgesamt läßt sich sagen, daß bei der Hypnose das bewußte Erleben einerseits und das unterbewußte Erleben und Wissen andererseits sehr auseinanderfallen können, wobei letztlich das unterbewußte Denken ausschlaggebend ist und das Verhalten bestimmt.

Wille, Intention und das Erleben von Unwillkürlichkeit

Was den Willen der Hypnotisierten angeht, so ist es übrigens im Allgemeinen sehr einfach, Hypnotisierte dazu zu bringen, scheinbar unmoralische oder selbstschädigende Handlungen zu begehen. Zu bedenken ist jedoch, daß die Hypnotisierten die Situation meistens als geschütztes und harmloses Experiment durchschauen, und zwar mindestens so gut wie “Wache” in derselben Situation. Zudem zeigt ein Vergleich von Hypnotisierten und “Wachen”, daß letztere allgemein mindestens denselben Gehorsam an den Tag legen wie “tief Hypnotisierte”. (Siehe Artikel “Hypnoseverbrechen”)

Hypnotisierte haben manchmal das Gefühl, daß ihre Handlungen völlig unwillkürlich oder sogar zwanghaft ablaufen. Eine Betrachtung ihres objektiven Verhaltens jedoch, insbesondere im Vergleich mit “Wachen”, spricht dafür, daß die Fähigkeit zur Kontrolle des eigenen Verhaltens durch die Hypnose unberührt bleibt, ungeachtet des subjektiven Erlebens.  (Auch dies kann als Fall von Dissoziation begriffen werden.)

Insgesamt hat sich gezeigt, daß hypnotisches Verhalten in einem viel höheren Maße sinnvoll, intelligent und zielgerichtet abläüft, als man vielleicht auf den ersten Blick den Eindruck hat.

Hypnoseforschung

Die klinische Hypnose (oder Hypnotherapie oder Hypnosetherapie) ist die Anwendung der Hypnose zu medizinischen und psychotherapeutischen Zwecken. Sie gehört somit zu Medizin, Psychiatrie und klinischer Psychologie.

Nun ist Hypnose aber kein “pathologisches”, also kein krankhaftes Phänomen. Die Frage, was die Hypnose an und für sich ist, unabhängig von möglichen Heilanwendungen, gehört daher nicht in die Medizin oder klinische Psychologie, sondern in die nicht-klinische Psychologie. Anders als oft angenommen beschäftigt sich die Psychologie nämlich nicht primär mit krankhaften, sondern mit gesunden psychischen Vorgängen und wird großteils naturwissenschaftlich und unter Zuhilfenahme mathematischer Methoden betrieben.

Hyonoseforschung ist in diesem Sinne ein Teil der experimentellen Psychologie. Sie wird in den psychologischen Labors zahlreicher Universitäten und Forschungseinrichtungen betrieben; ihre Ergebnisse werden in speziellen Hypnose-Zeitschriften oder auch in der allgemeinen psychologischen Fachliteratur publiziert.

Früher bestand die Hypnoseforschung vorwiegend in den Einzel-Beobachtungen und gesammelten Erfahrungen von Ärzte, die die Hypnose klinisch anwandten. Hierbei haben einige dieser Anwender übrigens sehr gute und weitreichende Einsichten gewonnen. Schon seit vielen  Jahrzehnten ist die Hypnoseforschung jedoch wie erwähnt zu einer Teildisziplin der experimentellen Psychologie geworden.

Die Hypnoseforschung benutzt gewöhnlich (der Vergleichbarkeit wegen) standardisierte Hypnoseskalen mit standardisierten Induktionen und standardisierte Hypnose-Tests. Meistens ist alles ist ziemlich genau festgelegt – dieser Standardisierung eignen sicherlich sowohl positive wie negative Aspekte. Sowohl die Induktionen wie auch die jeweiligen Suggestionen, die bei der Hypnoseforschung eingesetzt werden, gehören zur klassischen Hypnose: Sie sind direkt und “autoritär”. (Insbesondere in der klinischen Hypnose existieren auch alternative Vorgehensweisen, die oftmals unter dem Schlagwort Ericksonsche Hypnose zusammengefaßt werden.)

Es besteht in der Regel in der Hypnoseforschung keine persönliche Bekanntschaft und kein persönliches Vertrauensverhältnis zwischen Hypnotiseur und “Subjekt”. (Für die Gruppenhypnosen werden sogar oftmals vorgefertigter Tonträger benutzt.) Auch dies dürfte einerseits Voreile haben, aber auch zu Grenzen der Aussagekraft und der Übertragbarkeit von Erkenntnissen auf andere Kontexte führen.

Es hat sich gezeigt, daß innerhalb dieses experimentellen Settings die Person des Hypnotiseurs kaum einen Einfluß auf die gemessene hypnotische Suggestibilität hat. Vielmehr hängt diese praktisch allein vom “Subjekt” ab.

Die Hypnoseforschung arbeitet auch oft mit sog. Kontrollgruppen. Kontrollgruppen sind Gruppen von Versuchspersonen, die nicht  hypnotisiert wurden, aber ansonsten so wie die Hypnotisierten behandelt werden. Kontrollgruppen können beispielsweise einfach aus “Wachen” bestehen; die aufwendigere Kontrollgruppe der sog. “Simulanten” hatten wir weiter oben bereits erwähnt. Eine weitere Gruppe wären sog. “imaginierende” Subjekte: Das sind Personen, die außerhalb des hypnotischen Kontextes und ohne vorherige Induktion hypnosetypischen Suggestionen ausgesetzt sind. Solche Probanden werden eingesetzt, wenn beispielsweise geklärt werden soll, ob Wach- und hypnotische Suggestion sich prinzipiell unterschieden oder von derselben Art sind.

Zudem macht die Hypnoseforschung natürlich von den technischen Neuerungen Gebrauch und unternimmt neurophysilogische Messungen (etwa indem Hypnotisierte einer funktionellen Magnetresonanztomographie unterzogen werden).

Einerseits hat die Hypnoseforschung zahlreiche Erkenntnisse gebracht, darunter durchaus auch interessante und nützliche; andererseits sind selbst viele grundlegenden Fragen bis heute noch nicht zureichend geklärt. Gerade auch weil viele Neuerungen bis heute wenig Bekanntheit unter Klinikern und anderen Anwendern gefunden haben, schreibe ich an diesem Blog.

Hypnotherapie, Coaching, Lebenshilfe

Die klinische Hypnose konnte sich im Verlauf der Zeit immer besser etablieren und erfährt zunehmend Anerkennung. Neben dem Einsatz in Psychotherapie und Psychosomatik dient sie insbesondere auch zur Anästhesie(Gefühllosigkeit) und Analgesie (Schmerzlosigkeit) und wird in dieser Funktion gerne durch Zahnärzte eingesetzt. Auch wenn die Anzahl systematischer Studien noch gering ist, ist es die Erfahrung vieler Kliniker, daß Hypnose eine wirksame Verstärkung von psychologischen Therapien sein kann. Die Bandbreite von Techniken, die unter dem Label “Hypnose” zur Anwendung kommen, ist dabei groß, und nicht alles lässt sich hinsichtlich Professionalität und Effektivität mit einander vergleichen..

Neben dem Einsatz zu klinischen Zwecken im engeren Sinne findet die Hypnose (wie auch verwandte imaginative Techniken) zunehmend auch in den Bereichen der Lebenshilfe und des Coachings (etwa für Sportler) Verbreitung.

Forensische Hypnose

Die forensische Hypnose versucht, suggestiv die Erinnerungen von Zeugen oder Opfern von Straftaten wieder herzustellen. Wenn jemand entspannt ist, ein guter Rapport zu der Person besteht, die ihn befragt und die betreffende Person sich in die vergangene Situation zurückversetzt, so erhöht dies oft ihre Erinnerungsfähigkeit. Wenn allerdings formell darüber hinaus Hypnos induziert wird, so ergeben sich zwei Gefahren: a) Zwar kann sich der Zeuge manchmal tatsächlich an mehr Details erinnern, konfabuliert aber zugleich auch mehr; deswegen ist seine Schilderung nicht unbedingt akkurater als ohne Hypnose. b) Es besteht die Gefahr, daß der Zeuge aufgrund der Hypnose der festen Überzeugung ist, daß seine Darstellungen stimmen, auch insoweit, als sie falsch sind.

Aus solchen Gründen ist der Einsatz forensischer Hypnose hochgradig umstritten und unterliegt meist auch in Ländern, in denen er erlaubt ist, strengen Richtlinien und ist nur ausnahmsweise zulässig. In Deutschland ist die Ausübung forensischer Hypnose durch Justiz und Polizei nicht gestattet.

In einem weiteren Sinne kann man unter “forensischer Hypnose” auch allgemein den Komplex “Hypnose vor Gericht” verstehen, etwa wenn ein Hypnotiseur angeklagt ist, eine andere Person willentlich oder unwillentlich geschädigt zu haben.

Showhypnose

Showhypnose oder Bühnenhypnose  bezeichnet den Einsatz von Hypnose zu Unterhaltungszwecken. Zwar hat Showhypnose insbesondere unter Hypnotheapeuten oftmals ein sehr geringes Ansehen bzw. ist vielen Hypnotherapeuten ein großer Dorn im Auge. Bei aller Kritik, die man zumindest an einigen Darbietungen üben kann, sollte man jedoch auch bedenken, daß Showhypnose auch das Interesse an (klinischer) Hypnose wecken kann und nach dem heutigen Forschungsstand nicht im Allgemeinen zu einem negativen Bild der Hypnose führen muss oder eine bedeutende psychischen Gefahr darstellt. (Siehe Artikel zur Showhypnose.)

Selbsthypnose

Unter Selbsthypnose oder Autohypnose wird der Prozess verstanden, durch den eine Person sich selbst hypnotisiert: Hypnotiseur und Hypnotisierter fallen also in Personalunion zusammen. Das Autogene Training, das durch J.H. Schultz aus der klassischen Hypnose entwickelt wurde, kann als Sonderfall der Selbsthypnose betrachtet werden. Die Grenzen zwischen Selbsthypnose und Meditation sind fließend, je nach Form der beiden Verfahren. Das Erlernen und Anwenden der Selbsthypnose gilt als hilfreiche Unterstützung bei Entspannung, Aktivierung von Selbsheilungskräften und Hilfe beim Erreichen persönlicher Ziele.

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Eine Antwort zu Hypnose(forschung): Eine kleine Einführung

  1. Michael Bauer schreibt:

    Allein das Lesen dieses (oder auch eines anderen) Textes kann ja schon eine Hypnoseinduktion sein und somit eine Trance auslösen.

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